Geschlechter_debatten_kultur

Eigentlich wollte ich gar keinen Text zum aktuellen Profil-Aufreger schreiben. Denn dass Gernot Bauer und Robert Treichler eine ernsthafte Diskussion über Lohnungleichheiten zwischen Männern und Frauen führen wollen, das kaufe ich ihnen nicht ab. Wäre das ihre Absicht gewesen, so hätten sie wohl nicht Studien, die seit Jahren auf dem Tisch liegen, als sensationelle Enthüllung verkauft, nicht so einseitig recherchiert/zitiert und – was hier wohl am meisten von Bedeutung ist – ihren Text nicht als polemischen Rundumschlag gegen Frauenpolitik und Feminismus angelegt.

Ja, welche Zahlen in welchen Slogans verwendet werden, darüber kann mensch diskutieren. Die Bewusstseinsarbeit zum  “Gender Pay Gap” zählt klar zu den Erfolgen frauenpolitischer Lobbyarbeit: Dass Frauen und Männer gleich viel für gleichwertige Arbeit verdienen sollen und es ungerecht ist, wenn Frauen dafür weniger Geld bekommen, darüber herrscht ein (zumindest öffentlich zelebrierter) Konsens quer durch alle Lager. Dass Interessensvertretungen eher Zahlen/Studien/Umfragen verwenden, die ihrem Zweck dienen, sollte auch hinlänglich bekannt sein. Und trotz der erfolgreichen Öffentlichkeitsarbeit hat sich realpolitisch wenig getan: Eine zaghafte (wenn auch vermutlich hart erkämpfte) Regelung zu einer Offenlegung von Gehältern soll ein erster Schritt in Richtung mehr Einkommensgerechtigkeit in Österreich sein.

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Mit vollen Hosen ist leicht stinken oder wider die Realitätsverweigerung

Erstes schreibt Karin Strobl, die Vorsitzende für das Frauennetzwerk Medien als Reaktion auf den Leitartikel der aktuellen Profilausgabe, zweites schreiben Gernot Bauer und Robert Teichler selber im Profil – denn, zu dem Ergebnis kommen sie in ihrem Artikel: Es gibt gar keine Lohn-/Gehaltsdiskriminierung mehr. Diskriminierung = Mythos.
Das Profil räumt mit Mythen auf und macht sich (wieder einmal) lächerlich. Ärgerlich ist es trotzdem. Anlass des Artikels ist der Equal Pay Day. Laut Profil sei der Lohnunterschied nämlich viel geringer als angenommen und eigentlich nicht der Rede wert = fällt unter die statistische Signifikanz. Alle wissen es bereits, nur würde, so die Autoren, an der Opferrolle festgehalten werden, weil diese es Frauenpolitikerinnen aller Couleurs erleichtere, politische Interessen durchzusetzen.

Die Strategie der Beweisführung und der Argumentation, deren sich die Autoren bedienen, ist frappant weil völlig offensichtlich: Anführung von (männlichen) Autoritäten (Universitäten, Wirtschaftsforschungsinstitute), vorgebliche Objektivität durch Anführung von Statistiken (Statistik Austria), Entwertung durch Herabwürdigung (Lohnlückenpolizei), Umkehr der Täter-Opferrolle (in einer generell schlechter bezahlten Branche kommen auf ein Drittel diskriminierter Frauen zwei Drittel diskriminierte Männer) und Eigenschuldzuweisung (fehlende Karrieremotivation und Engagement bei Frauen, unterschiedliche Produktivität von Frauen und Männern).
Wahrheitsproduktion ist eine einfache Sache.

Und nur am Rande: Der Equal Pay Day wird nicht gefeiert, es ist kein Feiertag. Und er wird schon gar nicht zweimal gefeiert – April oder Oktober – es sind zwei unterschiedliche Berechnungsarten. Zu schreiben, dass er zweimal gefeiert werde um sich doppelt benachteiligt fühlen zu können, ist völlig daneben. Und es ist auch kein Gedenktag. Gedenktage finden anlässlich vergangener Ereignisse statt – und der Equal Pay Day ist nach wie vor Gegenwart für einen Großteil der Frauen in Österreich.

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Kommentar zum Profil-Artikel auf diestandard
Zahlen, Daten und Fakten zur Lohnschere

Medienkritik: Woman

Vergangene Woche habe ich mir die “Woman” gekauft. Für alle nicht-österreichischen Leser_innen: Das ist eine Frauenzeitschrift, die mensch wohl am ehesten mit der “Brigitte” vergleichen kann.

Aufgefallen ist mir die “Lila Ausgabe” an der Supermarktkasse, da sie (abgesehen vom schönen Lila) mit dem Slogan “(Fast) alle Macht den Frauen!” auf der Titelseite warb. Im Heft findet sich dann eine Story, für die bekannte österreichische Politikerinnen und Unternehmerinnen interviewt (und in Männerkleidung abgelichtet) worden sind, die sich für eine Frauenquote aussprechen. Ein solcher Artikel in einer Frauenzeitschrift (die sich ja für gewöhnlich nicht mit emanzipatorischen Inhalten hervortun) ist grundsätzlich äußerst positiv. Aber während der Lektüre der “Woman” ist mir wieder einmal aufgefallen, was eigentlich das Problematische an diesen Zeitschriften ist.

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Medienkritik: Bürgerforum

Das Diskussionsformat “Bürgerforum” des ORF ist ein ambitioniertes Projekt: Regelmäßig werden Themen “aus allen Bereichen des politischen und gesellschaftlichen Spektrums” diskutiert, wobei dem Publikum vor Ort in etwa die selbe Redezeit wie den Vertreter_innen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zur Verfügung steht. Auch wenn mir die Einladungspolitik nicht besonders transparent erscheint, so geht das Konzept der gezielten Auswahl des Publikums doch auf – die Wortmeldungen sind großteils intelligenter und konstruktiver als das bei anderen Formaten der Fall ist.


Geschlossene Gesellschaft: Club der Krawattenträger 

Dass die Sendung “Bürgerforum” und nicht etwa “BürgerInnenforum” heißt, ist allerdings mehr als angebracht. Im “Bürgerforum” sprechen Männer mit Männern über Männer. Besonders drastisch wurde das gestern deutlich, als über das geplante Sparpaket der österreichischen Regierung unter dem Titel “Zur Kassa, bitte – wer zahlt drauf?” diskutiert wurde. Am Podium befanden sich tatsächlich sechs Männer (Josef Cap, Günter Stummvoll, Claus Raidl, Franz Fiedler, Hannes Androsch, Karl Aiginger) – und keine einzige Frau. Selbst die geladenen Vertreter der Opposition in der ersten Reihe waren allesamt Männer. Eine beachtliche Fehlleistung der Redaktion, denn bei einem solch fatalen Ungleichgewicht, was die Repräsentation betrifft, greifen keine (gängigen) Ausreden mehr (“Alle Frauen haben abgesagt”, “Wir konnten keine Expertinnen finden”…).

Der Grundsatz  “Im Bürgerforum wollen wir den Bürgerinnen und Bürgern Gelegenheit geben, ihre Standpunkte zu vertreten” gilt also nicht – zumindest nicht für Frauen. Und das verwundert vor allem deshalb, da der ORF einerseits den öffentlichen Auftrag hat, sich an der “Vielfalt der Interessen aller HörerInnen und SeherInnen” zu orientieren und andererseits das Thema Sparpaket Frauen in besonderem Maße betrifft. Frauen sind in Österreich häufiger von Armut betroffen oder bedroht, Frauen stellen die meisten Mindestpensionist_innen, Frauen leisten den Großteil der unbezahlten Arbeit.

Diese Verhältnisse wurden zumindest ansatzweise in einer Einspielung thematisiert: Drei Frauen erzählten von ihren finanziellen Sorgen und ihren Zukunftsängsten. Im Studio kamen sie hingegen nicht zu Wort: gezählte 23 Redebeiträge von Männern standen zwei Beiträgen von Frauen gegenüber. Somit wurde ein gängiges österreichisches Politikverständnis reproduziert: Frauen sind betroffen und besorgt, Männer sprechen darüber, was zu tun ist und treffen die Entscheidungen. Wenig verwunderlich also, dass frauenpolitische Fragestellungen im “Bürgerforum” überhaupt nicht thematisiert wurden – sie interessierten weder die Vertreter der Regierung noch der Oppositionsparteien.

Wenn die “Gleichberechtigung von Frauen und Männern” einen Grundsatz des Programmauftrags darstellt, dann erwarte ich mir  von der “Bürgerforum”-Redaktion, dass sowohl Männer als auch Frauen in die Sendung eingeladen werden und während der Sendung darauf geachtet wird, dass auch Frauen zu Wort kommen. Und auch bei der Gestaltung von “Frauenschwerpunkten” sind künftig bessere Recherche und mehr Sensibilität gefragt: Im März 2011 wurde ein “Bürgerforum” anlässlich “100 Jahre Frauentag” gesendet, das unter dem missglückten Titel “Halbe-Halbe – wer hat hier die Hosen an” Männerrechtlern und Menschen wie Ioan Holender eine Bühne bot, der seine kruden Thesen von unterentwickelten weiblichen Lungenflügeln präsentierte.

Link: “Bürgerforum” in der ORF TVthek