Das Schweigen beenden

Dieses Interview habe ich bereits 2014 für die an.schläge geführt. Nachdem meiner Ansicht nach wichtige Gedanken darin enthalten sind, stelle ich es hier online.

Suizid verhindern

Hanna Caspaar vom Verein “Verwaiste Eltern” im Gespräch über Möglichkeiten und Grenzen der Suizidprävention.

Was versteht man unter Suizidprävention?

Suizidprävention heißt im Grunde, Menschen in Krisen dort abzuholen, wo sie sind. Deshalb hat unser Verein „Verwaiste Eltern“ einen nachgehenden Ansatz, wir machen auch Hausbesuche. Aufsuchende psychosoziale Arbeit wäre in der Suizidprävention allgemein ganz wichtig, wird aber nur in wenigen Ansätzen schon verwirklicht. Das Netzwerk GO ON in der Steiermark – wo es die höchste Suizidrate Österreichs gibt – ist so ein Beispiel. Menschen, die einen Suizid planen, gehen nämlich meistens nicht mehr in eine Beratungsstelle. Am besten funktioniert Suizidprävention, wenn man Peers schult, etwa in den Schulen, die dann besonders aufmerksam sind und denen sich Gefährdete anvertrauen können. Dasselbe wäre im Erwerbsarbeitsleben notwendig, dort haben wir noch viel nachzuholen. Besonders schlecht erreichen wir ältere Männer am Land, wo sehr viele Suizide passieren.  Auch in den Altersheimen ist Suizidprävention noch zu wenig gut ausgebaut. Eine weitere Möglichkeit sind HausärztInnen, hier tut sich in Österreich bezüglich Schulungen schon einiges. Aber die Praxen sind meist voll, es gibt sehr wenig Zeit für längere Gespräche, um Probleme abseits von körperlichen Schmerzen zu erkennen und eine mögliche Krisenintervention einzuleiten.

Wie beurteilen Sie die Infrastruktur des österreichischen Gesundheitssystems – wird genügend Wert auf Suizidprävention gelegt?

Nein, das finde ich absolut nicht. Im Vergleich gibt es mehr Suizidtote als Tote durch Verkehrsunfälle. Und seit Jahrzehnten bemüht sich die Politik Verkehrsunfälle zu verhindern, dafür werden Milliarden ausgegeben – um Suizid zu verringern, um Menschen die Hilfe, die sie brauchen, zukommen zu lassen, nur ein Bruchteil davon. Zudem ist Suizid ein Tabuthema, er wird kollektiv verdrängt – das hat in Österreich eine lange Geschichte. Insgesamt gibt es ein umfassendes Fachwissen bei ExpertInnen, aber es wird noch zu wenig weitergegeben. Es ist ganz wichtig, Fachwissen zu übersetzen, eine Sprache zu finden, in der sich Menschen in der Krise auch wiederfinden. Diese Arbeit machen wir kleineren Initiativen schon jahrzehntelang in begrenztem Ausmaß.

Wie internationale Studien zeigen, ist das Suizidrisiko bei LGBTQ-Personen besonders hoch.

Ja, das ist leider richtig, da diese Bevölkerungsgruppen immer noch diskriminiert werden. Hier tut sich zwar einiges an Öffnung, aber die Diskriminierung wird immer subtiler. Das weitaus höhere Suizidrisiko hat auch mit Normalitätsbegriffen zu tun, mit normativen Rollenzwängen. All das führt zu Identitätskrisen, zu Benachteiligung, zu Isolation, weil man sich nicht öffnen kann – wesentliche Risikofaktoren.

Was kann man tun, wenn man in seinem Umfeld Suizid-Absichten bei einem Menschen vermutet?

Es gibt eine Kurzformel: Zunächst diesen Menschen offen ansprechen, auch wenn er_sie abweisend ist, nicht alleine lassen, Kontakt anbieten und Kontakt halten. Und das möglichst auf eine unaufdringliche, respektierende, liebevolle Art. Es geht darum, zu sagen: Es ist mir wichtig, dass du lebst, lass uns gemeinsam etwas finden, ich begleite dich. Natürlich müssen auch Grenzen akzeptiert werden, es ist oft eine schwierige Gratwanderung. Dann geht es auch darum, professionelle Hilfe zu vermitteln. Für den Notfall gibt es natürlich immer auch Kliniken, nur muss dort eine langfristige Therapie beginnen. Viele Suizide passieren nach der Entlassung. Es ist letztendlich nicht möglich, jeden Suizid zu verhindern, aber Kontakt, Nähe, Halt, Trost sind zentrale Faktoren. „Beende dein Schweigen und nicht dein Leben“ ist einer unserer Slogans. Gerade auch in der Literatur wird Suizid immer wieder als „Freitod“ beschönigt. Wenn ich Machtlosigkeit nicht verarbeiten kann, stelle ich so wieder Autonomie her. Es ist ein Selbstheilungsversuch in der Machtlosigkeit, aber es geht darum, Selbstwirksamkeit im Leben herzustellen – mit der Hilfe von anderen. „Jeder ist seines Glückes Schmied“ ist ein tödlicher Satz.

Link: Verwaiste Eltern

40 Jahre Fristenlösung

Ende Mai fand im AK Bildungszentrum eine spannende Diskussion statt (veranstaltet vom Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch): “40 Jahre Fristenlösung und immer noch im Strafgesetz”

Wer sie verpasst hat: Die Video-Aufzeichnung ist nun online. Berichte/Analysen gibt es außerdem auf Umstandslos.com und Diestandard.at.

Verlinkt

Bei den an.schlägen haben wir eine frauen*politische Interview-Serie mit Politikerinnen aus fünf Parteien gestartet. Die Interviews mit Heidi Ambrosch (KPÖ), Beate Meinl-Reisinger (Neos) und Eva Glawischnig (Grüne) könnt ihr bereits in voller Länge online nachlesen. In der nächsten Ausgabe folgt Dorothea Schittenhelm von der ÖVP.

Apropos Interviews: Auf standard.at wurden in den vergangenen Wochen zwei spannende Interviews veröffentlicht: Birgit Sauer und Sushila Mesquita sprechen über feministische Wissenschaft an den Universitäten, Alexandra Weiss über das Erbe der Zweiten Frauenbewegung.

Von 1. bis 3. Mai findet in Wien zum zweiten Mal der “Jane’s Walk” statt. Jane’s Walks sind von Freiwilligen geführte Spaziergänge, bei denen das Erkunden des eigenen Stadtteils bzw. der Stadt und Gespräche darüber im Vordergrund stehen. Benannt wurden sie nach der Architekturkritikerin und Stadtplanerin Jane Jacobs. Jede_r kann mitmachen! Alle Termine und Infos findet ihr hier.

Die Plattform 20000frauen veranstaltet am 30. Mai eine Feministische Tischgesellschaft auf der Mariahilfer Straße. Ganz unterschiedliche queer-feministische Organisationen/Initiativen werden teilnehmen, eine Anmeldung ist nach wie vor möglich. Die Plattform stellt die Infrastruktur (Tische, Bänke) kostenlos zur Verfügung.

Über die geplante Strafrechtsreform wird medial wieder einmal auf unterstem Niveau debattiert (siehe Pograpschen). Brigitte Hornyik hat für den Frauenring eine fundierte und lesenswerte Stellungnahme verfasst.

Mutterschaft bereuen – eine Studie hat hitzige Debatten ausgelöst, auf Twitter wird unter dem Hashtag #regrettingmotherhood diskutiert. Einen lesenswerten Blogbeitrag dazu gibt es auf dem Blog Aufzehenspitzen.

Kinderarmut ruiniert das ganze Leben – so der Titel eines Berichts über die bedrückenden Fakten in Österreich.

“Wer fleißig ist und hart arbeitet, wird auch reich” – solche und andere Mythen zerlegt die Website Mythen des Reichtums” äußerst anschaulich.

Wenn Menschenrechte im Mittelmeer enden“: “Wir müssen uns die Menschenrechte vom Staat zurückholen”, schreibt Ralph Guth auf dem Mosaik-Blog.

“Gestern noch betrauerte die Bundesregierung die hunderten toten Flüchtlinge im Mittelmeer, heute macht sie mit der üblichen Flüchtlingsabwehrpolitik gnadenlos weiter” – so kommentierte Alev Korun von den Grünen die abermalige Verschärfung des Asylgesetzes in Österreich.

“Just go inside!” – 2 Jahre nach dem Einsturz von Rana Plaza: Charlott auf der Mädchenmannschaft über den Einsturz der Textilfabrik in Bangladesh.

Unfassbarer Artikel auf spiegel.de: “Kritik an Gedenkfeier zur KZ-Befreiung: ‘Dieser Kontrast war beschämend'”.

Nachgelesen – Klassismus

Im feministischen Lesekreis beim Verein Genderraum hatten wir diesmal das Thema Klasse/Klassismus gewählt, die vorläufige Leseliste könnt ihr hier ansehen. (Bitte vormerken! Am 20. Jänner um 19 Uhr diskutieren wir im ChickLit!)

Im Einführungsbuch zu Klassismus von Heike Weinbach und Andreas Kemper bin ich auf das 1985 erschienene “Scheidelinien. Über Sexismus, Rassismus und Klassismus” der niederländischen Autorin Anja Meulenbelt gestoßen – und es hat mich sehr beeindruckt. Als Lehrperson in der Ausbildung von Sozialarbeiter_innen hat sie Aussagen ihrer Studentinnen gesammelt und verknüpft diese Zitate im Buch mit ihren Beobachtungen und Theorien. Den Beruf der Sozialarbeiterin beschreibt sie als – historisch gewachsen – für unterschiedliche Klassen in den Niederlanden akzeptabel – dementsprechend vielfältig setzen sich die Studentinnen bezüglich ihrer sozialen Herkunft zusammen.

Ich möchte hier einige Zitate aus dem Buch bzw. dem Kapitel “Klassismus” mit euch teilen, vielleicht bekommt ihr ja auch Lust, es zu lesen.

“Das Bedürfnis, der ‘Oberen’, sich von den ‘Unteren’ zu unterscheiden, besteht weiterhin, auch wenn es sich um stillschweigende Absprachen handelt, über die man nicht allzuviel reden darf. Selbst wenn Leute aus den höheren Klassen ständig betonen, dass es doch äußerst wünschenswert sei, wenn ihre – höhere – Kultur von den Leuten aus den unteren Schichten geteilt werde. Bram de Swaan bemerkte bereits, dass wir die Van-Gogh-Reproduktionen, die ‘Vier Jahreszeiten’ von Vivaldi und die Tänzerinnen Degas’ von dem Moment an, da sie zur Kultur der unteren Schichten gehören, nicht mehr in den Häusern der Wohlhabenden finden. Wir können also von ‘fallenden Kulturgütern‘ sprechen: Sobald die Fonduesets nicht mehr nur in denen feineren Läden zu kaufen sind, sondern auch in den Supermärkten, kehrt sich die höhere Klasse von ihnen ab.”

Verinnerlichte Unterdrückung funktioniert also auf verschiedenen Ebenen. Durch einen Mangel an Selbstwertgefühl und Zukunftserwartungen, aber auch durch den Druck, die eigenen Gruppe nicht im Stich zu lassen. Wer in eine höhere gesellschaftliche Funktion aufsteigt, macht das meist auf Kosten des Gefühls, irgendwo zu Hause zu sein. Der Versuch, die alte Herkunft zu verbergen, wirkt oft entfremdend: Zwischen zwei Kulturen zu sitzen und in beiden nicht zu Hause zu sein.”

“Die Kultur der Schule ist eine Mittelschichtkultur. Die Gewohnheiten stammen aus der Mittelschicht, auch der Sprachgebrauch. Viele Kinder aus den unteren Klassen erleben die erste Konfrontation mit ihr als Kulturschock. Wollen sie es schaffen, dann müssen sie sich anpassen. In dem Maße, in dem Kinder sich stärker der Mittelschichtsumgebung angleichen, werden sie auch weniger stigmatisiert. (…) Die Tatsache, dass Kinder aus den unteren Klassen im Verhältnis gesehen in der Schule schlechter abschneiden, wird oft mit der “Spracharmut” von Arbeiterkindern erklärt. (…) Eine amerikanische Untersuchung zeigt, dass ein Viertel des Wortschatzes von Arbeiterkindern in den am häufigsten gebrauchten Lehrbüchern nicht vorkommt. Kommt ein Kind mit einer vom Standardniederländischen abweichenden Sprache auf die Schule, dann wird ihm nicht nur ein neuer Sprachgebrauch beigebracht, die alte Sprache wird ihm auch weggenommen, Wörter und Ausdrücke sind plötzlich nicht mehr akzeptabel.”

“Wie sehr Klassenstellung und Geschlecht miteinander verwoben sind, wird deutlich, wenn wir die gesellschaftliche Stellung von Frauen betrachten, die sich nicht an die Norm der heterosexuellen Familie halten. (…) Für Frauen aus der Arbeiterklasse bedeutet ohne einen Mann leben zu wollen die Notwendigkeit, ‘höher’ aufzusteigen. Von den Berufen, die Frauen aus der Arbeiterklasse offenstehen, ist es kaum möglich, selbständig existieren zu können.”

“Ähnliches findet sich auch in politischen Bewegungen und in Gewerkschaften. Formal wird in fast jeder fortschrittlichen Einrichtung die Ideologie herrschen, dass Menschen prinzipiell gleichwertig sind, also auch Frauen. In der Praxis aber zeigt sich, dass die vertretene Ideologie und die tatsächlichen Handlungen in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen. Auf der einen Seite können Männer ein objektives Interesse daran haben, dass Frauen die gleichen Löhne erhalten wie sie. Für Ehepaare bedeutet das ein besseres gemeinsames Einkommen, ein breiter verteiltes Risiko und mehr Freiheit auch für ihn. Auf der politischen Ebene würde die Gleichheit bedeuten, dass Frauen nicht mehr als Streikbrecherinnen oder als Puffer eingesetzt werden könnten, um auch Männerlöhne niedrig zu halten. Aber diese objektiven Interessen verschwinden oft zugunsten der subjektiven Interessen der Männer. Der psychologische Vorteil der ständigen Verfügbarkeit und Unterordnung von Frauen, zu Hause wie auch bei der Arbeit, wiegt stärker. (…) Sich als Mann Frauen überlegen fühlen zu können, macht die eigene Unterdrückung erträglicher.”

 

Keine Lust auf Yoga

In den vergangenen Monaten habe ich die Debatte rund um “Self care” auf deutschsprachigen queer-feministischen Blogs verfolgt (z.B. hier und hier) – und irgendwie machte sich da Unbehagen bei mir breit.* Einerseits liegt das an meinem persönlichen Empfinden. Beim Lesen der Selbstfürsorge-Tipps auf Kleinerdrei erhöht sich etwa mein Stresslevel: Atemübungen, Spaziergänge und Kochen auf der To-Do-Liste – das klingt für mich nicht nach Entspannung. Nein, ich schaffe es nicht, mir jeden Tag Zeit für Meditation oder Turnübungen zu nehmen, ich kann (und will) es nicht, auf die “Signale” meines Körpers zu hören, in mich hineinzuhorchen und (möglichst effizient!) Erschöpfungszuständen vorzubeugen. Vielleicht klingt das jetzt ein wenig zynisch und ich denke, die Intention hinter der Selbstfürsorge verstehe ich sehr wohl – aber warum braucht es dafür einen eigenen Begriff?

Vor kurzem habe ich eine Kritik am gegenwärtig sehr präsenten “Care”-Konzept gelesen. Bettina Haidinger und Käthe Knittler stellen in ihrem Einführungsband in die feministische Ökonomie Care-Ökonomie der marxistischen Hausarbeits-Debatte der 70er-Jahre gegenüber und kommen zu folgendem Befund: “Die Care-Debatte – zumindest in ihrer akademischen und institutionellen Ausgestaltung – ist keine, die die kapitalistische Verwertung von Lohnarbeit und Care-Arbeit grundsätzlich in Frage stellt. Stattdessen soll pragmatisch auf die Leerstelle von Sorgearbeit in der Mainstream- und der heterodoxen Ökonomietheorie verwiesen und umsetzbare Lösungen für ihre Organisation gefunden werden. Die Reformidee weicht der Befreiungsidee.” (S. 112)

Ähnlich fehlt mir bei der Selbstfürsorge-Debatte die Verknüpfung mit Kritik an den Arbeits- bzw. Lebensverhältnissen, die Erschöpfungszustände begünstigen/verursachen. Antonia hat auf Umstandslos einen tollen Kommentar geschrieben, in dem sie den Zusammenhang von Mutterschaft, Feminismus und Erschöpfung analysiert. In ihrem Text finde ich mein Unbehagen auf den Punkt gebracht wieder:

“Was passiert also auch, wenn wir diese ‘Fürsorge’ auf uns ‘selbst’ beziehen? Dann ist die Grenze zur neoliberalen ‘Selbstoptimierung’ sehr schmal. ‘Selbstfürsorge’ verstanden an der Arbeit an mir selbst, sodass ich klar komme in den mir zugewiesenen Strukturen, in dem mir zugestandenen Raum, aber bitte nicht aufbegehren, nicht mehr oder etwas anderes wollen. So verstanden, möchte ich eigentlich nicht an meiner ‘Selbstfürsorge’ arbeiten, sondern erstmal bei der Auseinandersetzung mit meiner Erschöpfung bleiben. Die Frage, die ich mir nun stelle, ist, woher denn meine Erschöpfung rührt? Was macht mich denn so müde? Wovon möchte ich mich erholen und kann es nicht? Vom Muttersein? Von der feministischen Arbeit? Nein, ich denke, müde macht mich die mir fehlende Freiheit und die mir fehlende Gestaltungsmacht. Kurz auf den Punkt gebracht, es ist die kapitalistische, patriarchale Gesellschaftsordnung und der Platz, den sie mir zuweist, die mich müde und erschöpft machen.” (Antonia verlinkt auch den spannenden Text von Steinmädchen)

Unbehagen bereitet mir außerdem die Trennung in Erwerbsarbeit, Aktivismus/politische Arbeit und Freizeit. Die Hierarchie muss selbstverständlich so aussehen: Im Zentrum steht die Erwerbsarbeit, mit der ich meinen Lebensunterhalt verdiene, rundherum drapiere ich den Aktivismus (der aus meinem persönlichen Interesse resultiert) und die Freizeit, in der ich “abschalten” muss, mich entspanne, das Politische ausblende, in der ich Freund_innen in den Kalender eintrage. Das alles funktioniert bei mir nicht auf Knopfdruck. Ich möchte meine Zeit nicht managen, ich will nicht von acht bis fünf professionelle Kommunikatorin, von sechs bis neun engagierte Aktivistin und ab 21 Uhr gute Freundin sein. Ich möchte über Arbeitsverhältnisse und Arbeitsgestaltung sprechen – nicht über Work-Life-Balance (-> gemeint ist hier Work-Life-Balance in diesem Sinn (!) – ich beziehe mich nicht auf die oben genannten Blog-Texte!). Denn leben möchte ich nicht erst nach Arbeitsschluss.

Politischen Aktivismus empfinde ich großteils als befreiend, bestärkend – im queer-feministischen Umfeld lade ich meine Batterien auf. Meistens ziehe ich mich dann zurück, wenn ich das Gefühl habe, auch dafür “funktionieren” zu müssen. Besonders in einer politischen Gruppe, in der ich aktiv bin, hatten/haben wir immer das Problem, uns zu viel Arbeit aufzuhalsen, in Projekten und Großereignissen zu denken, ständig neue Arbeitsgruppen zu gründen. Durch diese Erfahrung habe ich gelernt, meine Ansprüche runterzuschrauben. Das Ziel ist nicht die ganze Welt. Lieber mal laut und wütend und spontan sein, statt nächtelang zuhause am Konzept für das nächste Projekt zu sitzen. Und Selbstfürsorge betreibe ich wohl, indem ich z.B. nicht mehr mit “Feminismus/Antirassismus/Political Correctness… ist schon ein bisschen extrem”-Menschen diskutiere. Stattdessen mit wertschätzenden queer-feministischen Aktivist_innen. Das ist dann meine Yoga-Stunde.

PS. In diesem Blogbeitrag geht Distelfliege auf verschiedene Kritikpunkte am Konzept der Self care ein.

* Die folgenden Ausführungen diskutieren nicht die einzelnen (interessanten) Blogbeiträge im Detail. Ich möchte mit meinem Text nicht sagen, dass feministische Blogger*innen ein “Fit for work”-Konzept propagieren und sie auch nicht mit dem Label “neoliberal” versehen, weil sie Yoga machen – ganz im Gegenteil. Ich möchte lediglich eigene Gedanken zu diesem Diskurs schildern.

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen

Zum „Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ veröffentliche ich hier einen Text, den ich über Gewaltschutz(gesetze) in Österreich geschrieben habe: 

Gewalt gegen Frauen ist bis heute ein zentrales Thema feministischer Politiken. Während es gegenwärtig in Österreich ein umfassendes Gewaltschutzgesetz gibt, das auch anderen Ländern als Vorbild dient, war häusliche Gewalt zu Beginn der 1970er-Jahre schlichtweg ein Tabu-Thema. Aktivistinnen der zweiten Frauenbewegung durchbrachen das Schweigen und stellten sich der Trennung in öffentliche und private Bereiche entgegen. Sie wiesen auf unterschiedliche Gewalt-, Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse hin und fassten so den Begriff der Gewalt wesentlich weiter: Es wurden nicht nur Gewaltakte, sondern auch gesellschaftliche Strukturen – Herrschaftsstrukturen – in den Blick genommen.

1972 wurde das erste Frauenhaus in London eröffnet, das Frauen und Kindern einen sicheren Zufluchtsort vor gewalttätigen (Ehe-) Partnern bot. In Wien entstand das erste Frauenhaus 1978 nach einem Konzept der autonomen Frauenbewegung, unterstützt wurde das Projekt von der SPÖ-Stadträtin und späteren Frauenministerin Johanna Dohnal. Gesetzliche Maßnahmen ließen hingegen noch auf sich warten. 1989 kam es im Zuge der Strafrechtsreform zu wesentlichen Änderungen bezogen auf den Tatbestand der Vergewaltigung. Tatbestand und Strafausmaß waren von nun an nicht mehr vom Verhalten des Opfers, der Widerstandsleistung, sondern vom Verhalten des Täters abhängig; Vergewaltigung innerhalb einer Ehe wurde von nun an ebenso unter Strafe gestellt.

Im Kampf gegen Gewalt gegen Frauen bestand ein reger – und zum Teil konfliktreicher – Austausch zwischen autonomer Frauenbewegung und institutionalisierter Frauenpolitik. Auch die internationale Vernetzung wurde von Fraueninitiativen weltweit vorangetrieben. Bei der Menschenrechtskonferenz der Vereinten Nationen im Jahr 1993 in Wien war auf ihr Bestreben hin Gewalt gegen Frauen ein zentrales Thema, Gewalttaten an Frauen wurden als Menschenrechtsverletzungen anerkannt.

1994 initiierte Johanna Dohnal die Gründung einer interministeriellen Arbeitsgruppe zur Entwicklung von Maßnahmen gegen Gewalt in der Familie. Das entwickelte Gewaltschutzgesetz trat 1997 in Kraft, in Zuge dessen entstanden Interventionsstellen gegen familiäre Gewalt in allen Bundesländern Österreichs. Außerdem beinhaltete das Gesetz die polizeiliche Wegweisung des Täters aus der Wohnung des Opfers für zehn Tage und die Möglichkeit einer zivilrechtlichen Einstweiligen Verfügung. In den folgenden Jahren wurde das Gesetz in Teilbereichen geändert und verbessert, 2009 trat schließlich das Zweite Gewaltschutzgesetz in Kraft, das unter anderem die „fortgesetzte Gewaltausübung“ unter Strafe stellte.

Seit 1981 wird am 25. November weltweit der „Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ begangen, im Rahmen der „16 Tage gegen Gewalt“ finden jährlich zahlreiche Aktionen von Gewaltschutzeinrichtungen, frauenpolitischen Akteurinnen* und autonomen Feministinnen* statt, die auf Gewalt gegen Frauen* hinweisen und internationale Solidarität in den Vordergrund rücken. In Österreich ist jede fünfte Frau in ihrem Leben von Gewalt in einer Beziehung betroffen. Entgegen zahlreicher Mythen findet Gewalt gegen Frauen und Mädchen überwiegend im direkten Umfeld statt – 90 Prozent aller Gewalttaten werden nach Schätzungen der Polizei in der Familie und im sozialen Nahraum ausgeübt.

Verlinkt

“Unsere neue Regierung muss einen Kurswechsel in der Flüchtlingspolitik herbeiführen, bei uns in Österreich. Und es muss auch in Europa – besonders nach dem hundertfachen Tod vor Lampedusa – eine menschliche Flüchtlings-, Migrations- und Entwicklungspolitik eingefordert werden. Österreich soll in der EU mit Nachdruck darauf drängen und mit gutem Beispiel vorangehen!”, fordern zahlreiche Organisationen in Österreich. Die dazugehörige Petition könnt ihr noch bis zum 15. Oktober unterschreiben.

“Und leider, nach der Wahl ist vor der Wahl: Bei den derzeitigen Parteiengesprächen und bei personellen und strategischen Plankastenspielen kommen Frauenpolitik und auch das Wählerinnenverhalten nicht vor”, schreibt der österr. Frauenring in einer aktuellen Aussendung und fordert unter anderem “Regierungsverhandlungen, die Frauenpolitik explizit zum Thema machen”.

Ulli Koch hat Karin Ondas und Eva Taxacher vom feministischen Archiv “Doku Graz” interviewt, das Ende des Jahres schließt.

Einen großartigen Beitrag gegen den sexistischen Alltag hat die Autorin Bente Varlemann beim ZDF.Kultur Poetry Slam 2013 abgeliefert.

Feminist Mum lädt am 29. Oktober zum feministischen Müttertreffen in Wien.

Warum sind “Frauen in die Technik“-Förderprogramme in Österreich nur wenig erfolgreich? Dazu habe ich Brigitte Ratzer von der TU Wien interviewt.

Im November (7.-17.11.) findet in Wien die Alternative Medienakademie statt. Alle Infos zu Programm und Anmeldung findet ihr hier.

Das feministische Magazin “an.schläge” führt derzeit eine Leser_innenbefragung durch, unter allen Teilnehmer_innen werden tolle Preise verlost. Noch bis zum 31. Oktober mitmachen!