Soziale Ausgrenzung im Tod

„Der Friedhofsgräber ist ein anderer als beim letzten Mal. Er sagt jeweils den Namen des Verstorbenen, wenn er die Urne einsinken lässt, und ‚Ruhe in Frieden‘. (…) Ben und ich weinen und schauen dem Friedhofsgräber zu, wie er die Schubkarre ranfährt und die fünf Gräber zubuddelt“, schreibt Francis Seeck. Seeck, Berliner Kulturanthropolog_in und Antidiskriminierungstrainer_in, widmet sich in „Recht auf Trauer. Bestattungen aus machtkritischer Perspektive“ Ausgrenzung und Marginalisierung, die auch nach dem Tod nicht aufhören. Seecks Vater wurde 2009 in Berlin ordnungsbehördlich bestattet, das heißt ohne Zeremonie und ohne Angehörige. Ausgehend von der eigenen Betroffenheit stellt Francis Seeck nun im Rahmen von teilnehmender, engagierter Forschung die Frage, wer betrauerbar ist und wie Klassismus sich auch in der Bestattungspraxis manifestiert.

In Deutschland gilt eine Bestattungspflicht für Tote, die bei den Erb_innen und unterhaltspflichtigen Verwandten liegt. Findet das zuständige Ordnungs- oder Gesundheitsamt innerhalb eines kurzen Zeitraums diese nicht, werden die Verstorbenen anonym bestattet – namenlos, ohne Trauerfeier oder Blumen. Aktuell werden immer mehr von Armut betroffene Menschen so bestattet, schreibt Seeck, oft sind es Menschen, die auch abseits der heteronormativen Kleinfamilie gelebt haben. In klarer Sprache macht Seeck in dem dünnen Band die soziale Ausgrenzung auf Friedhöfen deutlich und zeigt Interventionen für ein Recht auf Trauer auf. Ein großartiges Buch, das mit der Botschaft endet: „Ich wünsche mir, dass mehr über Sterben, Armut und Tod gesprochen wird.“

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Francis Seeck: Recht auf Trauer. Bestattungen aus machtkritischer Perspektive
edition assemblage 2017, 10,10 Euro

Diese Rezension ist in an.schläge VIII/2017 erschienen.
Francis Seeck im Denkwerkstatt-Interview

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