Queer-feministische Förderung

Vertreterinnen* der ÖH der Uni Wien haben mich letztens gebeten, euch darauf hinzuweisen, dass es mit dem “Topf zur Förderung feministischer/queerer Nachwuchswissenschafter*innen” eine tolle Möglichkeit gibt, eine Förderung für eure Abschlussarbeiten zu bekommen. Gefördert werden hauptsächlich queere/feministische wissenschaftliche Arbeiten und vereinzelt auch andere Projekte (z.B. wissenschaftliche/künstlerische Aktionen). Der höchstmögliche Förderbetrag ist 1.500 Euro, das Geld kann als Kostenersatz oder als Stipendium beantragt werden. Wichtig ist ein klar erkennbarer queerer/feministischer Fokus, die genauen Richtlinien könnt ihr hier nachlesen. Der Fördertopf ist außerdem nicht kompetitiv angelegt, d.h. es sollen möglichst viele Studierende unterstützt werden.

Die fertigen Arbeiten können dann auf der Website der ÖH Uni Wien veröffentlicht werden (hier seht ihr einige Beispiele), außerdem besteht nach wie vor die Möglichkeit, eure Ergebnisse auf der Denkwerkstatt vorzustellen!

Jungen als Bildungsverlierer?

Sozialarbeiter und Psychoanalytiker Michael M. Kurzmann arbeitet im Verein für Männer- und Geschlechterthemen Steiermark und veranstaltet im Frühling gemeinsam mit zwei Kolleg_innen eine kostenlose Fortbildungsreihe zum Thema Jungen als Bildungsverlierer. Ich habe ihn vorab gefragt, ob Jungen in der Schule denn wirklich männliche Vorbilder brauchen und was kritische Burschenarbeit eigentlich ausmacht.

Burschen werden in der Schule benachteiligt – diese These wird wiederholt in den Medien diskutiert. Ist die Behauptung aus deiner Sicht empirisch haltbar?

Der pauschalisierende Diskurs über Buben als Bildungsverlierer ist empirisch nicht haltbar und blendet zudem wesentliche soziale Problematiken aus. Grundsätzlich ist festzustellen, dass Burschen und Mädchen besser ausgebildet sind als je zuvor. Für Österreich zeigen die PISA-Daten, dass Mädchen bessere Lesekompetenzen aufweisen und im höheren Ausmaß eine maturaführende Schule besuchen. Burschen erzielen höhere Testleistungen in Mathematik. Die Ergebnisse verdeutlichen vor allem aber den zentralen Einfluss des sozioökonomischen Hintergrundes auf die Lernergebnisse. Die Annahme, dass ein höherer Anteil an weiblichen Lehrkräften sich nachteilig auf die Lernergebnisse von Burschen auswirkt, wurde zuletzt im Zuge der österreichischen PISA-Zusatzanalysen von Leitgöb u. a. empirisch widerlegt.

Auf gesamteuropäischer Ebene zeigen sich mehrheitlich ein leichter Anstieg oder gleichbleibende Zahlen für Männer in einer höheren Sekundarausbildung, wobei vor allem Männer mit Migrationshintergrund eine geringere Beteiligung aufweisen. Die Zahl der männlichen Schulabbrecher ist in den letzten zehn Jahren leicht gesunken, es besteht aber immer noch ein markanter Unterschied zwischen Mädchen und Burschen: im Jahr 2010 wurden in der EU 16% aller jungen Männer im Alter von 18 und 24 als Schulabbrecher verzeichnet, im Vergleich zu 12,2% der jungen Frauen. Die Anzahl der Schulabbrecherinnen und Schulabbrecher mit Migrationshintergrund ist dabei deutlich höher als die jener ohne Migrationshintergrund (in Österreich etwa viermal so hoch!). (Eine Zusammenfassung der Ergebnisse dieser EU-Studie finden Sie hier)

Die Frage muss also richtigerweise lauten: Welche Burschen (und Mädchen) haben Schwierigkeiten? Am ehesten sind es junge Männer aus bildungsfernen Familien, die wenig Ermutigung zur schulischen Bildung erhalten sowie Burschen mit Rassismus-Erfahrungen. Darüber hinaus ist es nicht ausreichend, Benachteiligungen nur anhand des unterschiedlichen Erwerbs von formellen Schulabschlüssen zu bestimmen. Mädchen gelingt es nach wie vor nicht, ihre scheinbar besseren Voraussetzungen in Form von Bildungstiteln in entsprechende berufliche Karrieren umzusetzen. Geringe Investitionen oder Erträge mancher Burschen in Bezug auf kulturelles Kapital können durch informelle Bildung oder den Erwerb von sozialem Kapital, z. B. Beziehungen und Netzwerke, ausgeglichen werden.

Brauchen Burschen männliche Vorbilder in Schulen und Kindergärten?

Burschen brauchen Pädagog_innen, die einen reflexiven Umgang mit Geschlechterfragen zeigen, binäre Geschlechterzuschreibungen aufbrechen und Burschen solidarisch-kritisch dabei begleiten, widersprüchliche Anforderungen zu bewältigen. Qualitative Analysen belegen, dass Buben/Burschen in der Schule vor der Anforderung stehen, sowohl Schüler als auch männlich zu sein. Das heißt: Die Orientierung an bestimmten Männlichkeitsvorstellungen und der männlichen Peer-Group geraten in einen Konflikt mit schulischen Regeln und Lernanforderungen. Diesen Widerspruch löst ein Teil der Burschen in Richtung der Geschlechterinszenierung und auf Kosten des schulischen Lernens auf. Es geht darum, geschlechtliche Vielfalt für den einzelnen Burschen lebbar zu machen und nicht, ihn gemäß eines bestimmten Vorbildes zu formen – sei es nun traditionell oder vermeintlich progressiv.

Dass an Volks- und Hauptschulen in Österreich überwiegend Frauen* unterrichten, ist kein neues Phänomen. Warum werden die angeblich fehlenden Vorbilder derzeit so heftig diskutiert?

Ich denke, es hat mit den sich wandelnden gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun. Die Lebenswelten junger Menschen sind vielfältig, komplex und von multiplen sozialen Zugehörigkeiten gekennzeichnet. Diese pluralisierten Lebenslagen treffen auf Bildungsinstitutionen, die im Kern immer noch auf das Herstellen von Homogenität bzw. Vereinheitlichung ausgerichtet sind. Das führt zu Überforderungen. Der Impuls, dass sich Vielfalt auch in der Institution, im Team abbilden sollte, ist grundsätzlich ein richtiger. Aber der Fokus auf männliche Vorbilder ist ein verengter. Nicht der geringe Männeranteil an Bildungsinstitutionen ist das Problem, sondern die mangelnde Repräsentation der Vielfalt an Geschlechtern, Sexualitäten, Migrationsgeschichten, kulturellen Zugehörigkeiten, Körpern etc. unter den Pädagog_innen sowie das mangelnde Vorleben fairer Arbeitsteilung.

Du arbeitest unter anderem in der kritischen Burschenarbeit. Was kann mensch sich darunter vorstellen?

Ich besuche Schulen oder Jugendzentren und arbeite gemeinsam mit den Burschen an Themen, die für sie von Interesse sind: Geschlecht, Sexualität, Gewalt, Arbeit/Beruf etc. Die für die jeweilige Gruppe relevanten Themen werden im Vorfeld der Workshops mittels Fragebögen erhoben. Ziel kritischer Burschenarbeit ist es, (geschlechtliche) Vielfalt für den jeweiligen Burschen lebbar zu machen. Dazu genügt es nicht, an den Gefühlswahrnehmungen und Verhaltensweisen einzelner zu arbeiten. Ich interessiere mich für die Geschichten der Jugendlichen und lade sie zu Erzählungen ein. Ihre Biografien sind wie Schnittstellen gesellschaftlicher Differenzierungen und Hierarchien, die wiederum viele betreffen: Erfahrungen von struktureller Gewalt, Rassismus, Homophobie, soziale Ausgrenzung etc. Anhand des Sprechens über die Lebensrealitäten der Teilnehmenden werden gesellschaftliche Hierarchien beleuchtet und soziale Ein- und Ausschlussprozesse – auch in der Gruppe/Klasse – zum Thema gemacht.

Kampagnen wie “Pink stinks” wehren sich gegen “Produkte, Werbeinhalte und Marketingstrategien, die Mädchen eine limitierende Geschlechterrolle zuweisen” – warum gibt es keine Aktionen, die sich gegen Spielzeugwaffen und Action-Figuren als “Buben-Spielzeug” wenden?

Antje Schrupp hat dies in einem Blogbeitrag zum pinken Mädchen-Überraschungs-Ei treffend beschrieben: Mädchen und Frauen können sich mittlerweile von limitierenden geschlechtlichen Zuschreibungen emanzipieren, ohne dadurch ihre Weiblichkeit aufs Spiel zu setzen. Für Burschen und Männer ist das Überschreiten geschlechtlicher Grenzen schwieriger: Es gibt unter Männern noch keine Kultur dafür, wie sie ihre Männlichkeit behalten können, ohne sich von allem als “weiblich” Identifizierten abgrenzen zu müssen. Hier wird der enge Zusammenhang zwischen Homophobie, Männlichkeitsdruck und Weiblichkeitsabwehr in der Konstitution von Männlichkeit deutlich. Für mich ein Grund mehr, geschlechterpolitische Strategien zu forcieren, die Mädchen-/Frauenförderung, Gendermainstreaming und Allianzen mit gleichstellungsorientierten Burschen-/Männerprojekten einschließen, ohne das eine gegen das andere auszuspielen.

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Mag.(FH) Michael M. KURZMANN

Sozialarbeiter, Psychoanalytiker i.A.u.S. (APLG). Seit 2006 Mitarbeiter des Vereins für Männer- und Geschlechterthemen Steiermark – aktuelle Arbeitsbereiche: Burschenarbeit, Casemanagement in der Gewaltarbeit, Projekt „Männer und Migration“. Mitglied der GenderWerkstätte. Lehrbeauftragter am Zentrum für Soziale Kompetenz der Karl-Franzens-Universität Graz. Mitarbeiter der Familien- und Sexualberatungsstelle Courage Graz. Psychotherapie/Psychoanalyse in freier Praxis.

Links:

Verein für Männer- und Geschlechterthemen Steiermark

Fortbildungsreihe „Jungen als Bildungsverlierer? Kritische Analysen und Folgerungen für eine geschlechterreflektierende Pädagogik“

Wir verdienen mehr

Der 5. April war in diesem Jahr der österreichische “Equal Pay Day” – bis zu diesem Datum müssen Frauen arbeiten, um auf dasselbe Jahresgehalt wie Männer im Jahr 2012 zu kommen. Wie unter anderem der Profil-Artikel zur Lohnschere gezeigt hat, herrscht beim Thema Gehaltsunterschiede sehr viel Verwirrung. Barbara Lavaud, Barbara Marx und Eva Scherz, allesamt bei der GPA beschäftigt, haben im März ein übersichtliches und leicht lesbares Buch veröffentlicht: “Wir verdienen mehr! Gleichberechtigung und faire Einkommen für Frauen”. In der Einleitung sind Zahlen, Daten, Fakten zu Einkommensunterschieden in Österreich und im internationalen Vergleich zu finden, das Einstiegskapitel (“Der lange Weg zur Gleichstellung”) bietet einen historischen Rückblick: Wusstet ihr etwa, dass noch in den späten 70er Jahren “Frauenlohngruppen” existierten, die geringere Löhne für Frauen kollektivvertraglich festschrieben?

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Bild: ÖGB-Verlag

Die Autorinnen erläutern gesetzliche Grundlagen für eine Gleichstellung in der Arbeitswelt und analysieren verschiedene Einflussfaktoren auf die bestehenden Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen. (Fest)angestellte Menschen erfahren außerdem, welche Möglichkeiten der Betriebsrat hat, im Kapitel “Diskriminierung im Kollektivvertrag beseitigen” listen die Autorinnen notwendige Änderungen (aus gewerkschaftlicher Sicht) auf.

Was das Buch nicht leistet, ist eine Kritik an ganz grundsätzlichen Regelungen. So gehen die Autorinnen zwar darauf ein, dass soziale  Sicherungssysteme in Österreich als Versicherungssysteme konzipiert sind, fragen aber nicht weiter nach den daraus entstehenden Ungerechtigkeiten und möglichen Alternativen. Allen Interessierten sei das Buch dennoch als hilfreiche Einstiegslektüre empfohlen. Die Autorinnen haben es geschafft, das komplexe Theme Einkommensunterschiede leicht lesbar und auch spannend aufzubereiten, ein umfangreiches Vorwissen ist dabei nicht notwendig.