Komponistinnen? Fehlanzeige!

Die Musikwissenschafterin Nicole Waitz hat sich in ihrer Bachelorarbeit mit der Rolle der Frau in der abendländischen Musikgeschichte auseinandergesetzt. Warum Musizieren noch immer männlich ist und Komponistinnen nicht auf den Spielplänen deutscher Konzerthäuser stehen.


Foto: WadeB / Flickr

Was ist das Thema deiner Arbeit? Was sind deine zentralen Fragestellungen?

Ich habe in meiner Arbeit die Rolle der Frau in der abendländischen Musikgeschichte anhand von bildlichen Darstellungen analysiert und in einen sozialgeschichtlichen Kontext gestellt. Als Grundlage diente mir ein Bilderkatalog mit ausgewählten ikonografischen Darstellungen musizierender Frauen von der Antike bis zur Gegenwart.

Ausgehend von der These, dass Geschlechterkonstruktionen die Musizierpraxis bis heute beeinflussen sowie umgekehrt ebenso durch musikalisches Handeln diskursiv erzeugt werden und mit der Prämisse, dass die bildliche Darstellung von Musik bzw. musizierenden Personen soziale Dimensionen und Ideologien codieren, habe ich mir folgende Fragen gestellt:

  • Inwieweit beeinflusst die Dichotomie der Geschlechter musikalisches Handeln?
  • In welchen Bereichen werden Geschlechtsidentitäten durch Musik konstruiert?
  • Sind heteronormative Werte tragend für die Symbolisierung der Musik als körperliche Sinnlichkeit?
  • Wie zeigt sich die weibliche Konnotation der Musica (Allegorie der Musik selbst) als Imagination von Weiblichkeit?

Wie bist du auf das Thema gestoßen?

Ich habe in einem Seminar zur Instrumentenkunde eine Hausarbeit über „Fraueninstrumente“ geschrieben, in der ich porträtiert habe, welche Instrumente in der europäischen Musikgeschichte vom jeweiligen Geschlecht bevorzugt verwendet und in welchen sozialen Kontexten sie von Frauen gespielt wurden. Inspiriert von Freia Hoffmanns wunderbarer Arbeit Instrument und Körper. Die musizierende Frau in der bürgerlichen Kultur (Frankfurt a. M. und Leipzig 1991) wollte ich diese Thematik vertiefen und die Formen der Partizipation bzw. der verweigerten Partizipation von Frauen am Musizieren handlungsgeschichtlich skizzieren.

Da die weibliche Partizipation an kulturellem Handeln generell in Feldern angesiedelt ist, die in der Musikgeschichtsschreibung, welche sich hauptsächlich auf das Werk und seinen (meist männlichen) Schöpfer konzentriert, als nebensächlich galten und selten der Aufzeichnung wert gewesen waren, eignen sich Bilddarstellungen für die Reflexion gesellschaftlicher Ideologien (z. B. in Ehe- und Familienportraits) sowie der alltäglichen Musikausübung (vor allem in der Genremalerei) besonders.

Warum hast du ein Thema der feministischen Wissenschaften gewählt?

Feministische Themen und Gender Studies waren mir bereits in meiner Schulzeit sehr wichtig. Da lag es klar auf der Hand, dass sich auch meine Arbeiten im Studium möglichst in diesem Bereich ansiedeln werden.

Zudem studiere ich ein Fach, das nach wie vor androzentrisch geprägt ist. Von ein paar einzelnen musikwissenschaftlichen Instituten wie z. B. denjenigen in Hannover und Detmold/ Paderborn oder der Fachgruppe „Frauen- und Genderstudien“ der Gesellschaft für Musikforschung abgesehen, werden Genderthemen in der Ausbildung kaum bis gar nicht abgehandelt. So wurde z. B. in der Vorlesungsreihe Musikgeschichte, welche sich in der Bachelorausbildung über 2 Jahre erstreckt, nicht eine Komponistin genannt.

Das wirkt sich natürlich auch auf die reale Musikpraxis aus. Man muss sich nur mal die Spielpläne deutscher Konzert- und Opernhäuser anschauen: Werke von Komponistinnen stehen so gut wie nie auf dem Plan. Es ist fast so, als würden diese gar nicht existieren. Der Grund hierfür liegt vorrangig in der Hierarchisierung vom Genius des Musikschaffenden (Komponisten) gegenüber des Reproduzierens von Musik, welche im 19. Jahrhundert installiert wurde und die sich perfekt in den Dualismus Mann (Geist, Schöpfer) und Frau (Körper, Reproduzierende) integrieren ließ. Diese Rezeptionsweise ist in der westlichen Orchesterlandschaft bis heute deutlich zu spüren. Es gibt es also noch viel zu tun …

Was sind deine wichtigsten Ergebnisse?

Mir war es zunächst wichtig, Erklärungen dafür zu finden, warum das Geschlecht eine so große Rolle in der Musizierpraxis zu spielen scheint und ich habe nachgewiesen, dass bereits im Mittelalter und im Humanismus Topoi (= Gemeinplätze, Diskurse, festgefügte Stereotype) installiert wurden, die sich noch bis in die Gegenwart durchziehen und denen sich sogar weibliche Popstars nicht prinzipiell entziehen können, es sei denn durch gezielte Unterwanderung, welche die Existenz dieser Denkformen jedoch wiederum indirekt bestätigt.

Gängige Geschlechternormen haben stets den Rahmen weiblichen Musizierens festgelegt, wobei sich dieses wiederum an der gesellschaftlichen Stellung des männlichen Musikers orientierte. Demnach fand die gesellschaftliche Sanktionierung der Musikerin ihren Höhepunkt mit der vollständigen Etablierung des Musikerberufes etwa zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Frauen an Metallblas-, Bass- und Perkussionsinstrumenten und erst recht Dirigentinnen sind noch heute ein äußerst seltener Anblick im Orchester.

Weiterhin stellt der weibliche musizierende Körper in der gesamten europäischen Musikgeschichte einen Schauplatz ständiger Auseinandersetzung mit Sexualität und Moral dar. Die in der christlichen Philosophie hervorgebrachte Konnotation der sexuellen Provokation einer musizierenden Frau zieht sich mit unterschiedlichen Wertungen bis in die Gegenwart hinein. In der Ambiguität von Musik als sinnlicher Praxis zum einen und als Wissenschaft zum anderen zeigt sich das ebenso ambivalente Verhältnis zwischen dem bürgerlichen Bildungsideal der musizierenden Frau und ihrem Objektstatus des heteronormativen Begehrens.

Dein nächstes Projekt?

Mein nächstes Projekt wird die inzwischen angemeldete Masterarbeit über Liebesdiskurse in der Musik sein, wo dann die gendertheoretischen und queerfeministischen Sichtweisen der Liebe im Mittelpunkt stehen werden.


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