Bittersüß

Auch wenn dieses Thema vielleicht ein für die Denkwerkstatt untypisches Thema ist, so muss ich mich angesichts der Vorweihnachtszeit diesmal doch dem Schokoladekonsum widmen. Ich versuche seit Jahren, mein Konsumverhalten möglichst überlegt zu steuern – was nicht immer gelingt und sich natürlich trotzdem innerhalb einer bestimmten Marktlogik bewegt, doch mit dem Argument “Es ist eh egal, was man kauft” konnte ich mich noch nie anfreunden. Und im Bereich der Lebensmittelindustrie sind es die Schokolade-Produzent_innen, mit denen ich besonders auf Kriegsfuß stehe.

Mittlerweile gibt es eine Vielzahl einfach zugänglicher Informationen über die Arbeitsbedingungen in den Anbauländern in Westafrika und Mittel- bzw. Südamerika. Der weltweit größte Kakaoproduzent ist die Elfenbeinküste – und dort ist das Elend rund um den für uns so wichtigen Rohstoff am größten. Bäuer_innen und Hilfsarbeiter_innen verdienen zu wenig, um überleben zu können, vielfach arbeiten Kindersklav_innen aus dem noch ärmeren Mali auf den Plantagen.

Fragt mensch bei großen Unternehmen wie Lindt, Ferrero (z.B. “kinder Schokolade”), Nestlé (z.B. “Smarties”, “After Eight”) oder Kraft (z.B. “Milka”) nach, geben zwar alle an, ihren Kakao großteils aus der Elfenbeinküste oder Ghana zu beziehen, von den ausbeuterischen Verhältnissen und der Sklaverei will aber niemand etwas wissen. Wenn ich bei diesen Unternehmen anrufe oder ihnen E-Mails schreibe, bekomme ich meist ausführliche PR-Texte, in denen beschrieben wird, was denn nicht alles gemacht werde, um den Menschen in Westafrika zu helfen. Da werden eigene Gütesiegel wie die “Rainforest Alliance” geschaffen und für die Schulbildung von Kindern gespendet. Für mich stellt dies die absurdeste Definition von “Corporate Social Responsibility” dar: Einerseits den Rohstoff für die eigenen Produkte  unter ausbeuterischen Bedingungen herstellen lassen und andererseits für die “armen Kinder” spenden.

Während bei Produkten wie Bananen, Kaffee oder Orangensaft viele große Hersteller zumindest ein Fairtrade-Produkt in ihrem Sortiment führen, gibt es in Österreich und Deutschland so gut wie kein faires Schokoladenprodukt bekannter Marken zu kaufen. Meist bringt es natürlich auch recht wenig, neben vielen anderen konventionellen Produkten ein Fair Trade Produkt zu führen, das wesentlich teurer ist – erst eine konsequente Verwendung fairer Rohstoffe für alle Produkte bewirkt ein wirkliche Änderung auf dem Markt. Im Umfeld von Fair Trade werden unter anderem Frauen-Projekte gefördert, die Frauen in den Anbauländern eine eigenständige, gesicherte Existenz ermöglichen – schließlich geht es in armen Regionen oft Frauen besonders schlecht.

Eine Veränderung haben übrigens vor allem Frauen in der Hand, die in Europa einen Großteil der Konsumentscheidungen bei Produkten für den täglichen Bedarf treffen. Diese Konsumentscheidung ist immerhin noch eine Möglichkeit für die Einzelne und den Einzelnen, “etwas zu tun”. Und eine kleine Umstellung ist bei der Schokolade gar nicht mal so schwierig. Anfangs ist es mir schwer gefallen, keine Schokolade der genannten Unternehmen zu kaufen, aber der große Vorteil ist, dass Fair Trade Schokolade wie z.B. jene von Zotter weitaus besser schmeckt als der Milchschokoladen-Einheitsbrei mit viel Zucker und billigem Pflanzenfett statt der edlen Kakaobutter. Den höheren Preis kann mensch kann einfach mit geringerem Konsum und intensiverem Genießen ausgleichen. Außerdem empfehle ich euch, lästig zu sein und bei den Unternehmen eurer Wahl immer wieder anzurufen, nachzufragen, Briefe zu schicken.

Informationen darüber, wer faire (und umwelt- bzw. tierfreundliche) Schokolade herstellt, findet ihr z.B. auf der Greenpeace “Marktcheck” – Seite. Eine Produktdatenbank gibt es auch bei Faitrade Österreich, EZA Produkte gibt es in fast allen großen Supermärkten zu kaufen, bei DM gibt es eine besonders große Auswahl der “BioArt” – Schokoladen. Und Zotter Schokolade kann ab einem Einkaufswert von 15 Euro versandkostenfrei im Online-Shop bestellt werden. Kinder freuen sich erfahrungsgemäß übrigens riesig über Schokolade, auch wenn sie nicht wie ein Weihnachtsmann oder Nikolaus aussieht.

Weitere Links:

Schmutzige Schokolade” – Dokumentarfilm
Südwind Info-Broschüre “Kakao”
nano Filmbeitrag “Schuften für Schokolade”
Artikel in der Zeit über Spekulation mit Kakao auf dem Weltmarkt


Kommentare

Mia sagt:

Ein Tipp wäre vielleicht, dunkle Fair-Trade-Schololade zu kaufen, sie zu schmelzen, und die weiteren Zutaten dann selbst dazuzutun. Zumindest ein paar Sorten kriegt man so selbst hin :)

Susanna Knobloch sagt:

Liebe Brigitte, soweit ich weiss, ist das österreichische Unternehmen Zotter, was den Ankauf der Rohstoffe für die Herstellung seiner Produkte betrifft, wirklich ehrlich um die erfolgreiche Umsetzung des Fair Trade Gedankens bemüht.

Dazu habe ich auch eine vorweihnachtliche Anregung für den Advent:
Statt Punsch, kann man heuer zur Abwechslung am Altwiener Christikindlmarkt auf der Freyung, am Stand des SOS-Kinderdorfs heisse Zotter-Schokolade trinken und damit die Österreichische Rett-Syndrom Gesellschaft unterstützen. Das Rett-Syndrom ist eine genetisch bedingte, neurologische Entwicklungsstörung, die nur bei Mädchen auftritt und schwere geistige und physische Beeinträchtigung mit sich bringt.

Liebe Grüße
Susanna

[…] und ein sehr lesenswertes Blogpost mit vielen Links gibt es bei der denkwerkstatt: denkwerkstatt.wordpress.com/2011/11/24/bittersus/ […]


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