Jäger und Sammlerinnen

Der Forschungskomplex “Geschlechterunterschiede” erschüttert uns immer wieder mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Zwei britische Psychologinnen wollen nun herausgefunden haben, dass die “weibliche Vorliebe” für die Farbe Rosa nicht angeboren ist. In früheren Studien war versucht worden, diesen (angeblichen) Unterschied evolutionsbiologisch zu erklären: “In der menschlichen Urgeschichte sei es für die weiblichen Sammler wichtiger gewesen, rote Früchte vom grünen Hintergrund zu unterscheiden, als für die männlichen Jäger.”

Oder etwas detaillierter: “Sie vermuten, dass es für Frauen in einer Jäger-und-Sammler-Gesellschaft wichtig war, reife, essbare Früchte vor grünem Blattwerk zu erkennen. Eine andere Erklärung wäre, dass die Unterscheidung feiner Nuancen der Gesichtsfarbe bedeutend war, um die emotionale Verfassung des Gegenübers einschätzen zu können.”

Die aktuelle Studie kommt nun aber zu dem Ergebnis, dass Mädchen ihre Vorliebe erst mit zweieinhalb Jahren erwerben. In diesem Alter werden Kindern in der Regel Geschlechterunterschiede bewusst.

Kein Witz.

Literaturtipp:
Anne Fausto-Sterling: Sexing the Body: Gender Politics and the Construction of Sexuality


Kommentare

Philipp sagt:

Die Studie ist sowieso grundsätzlich ein Blödsinn, weil bis in die 1920er Jahre war es so:
“Rosa wirkt sanft und weich, weshalb es seit den 1920er Jahren allgemein mit Weiblichkeit assoziiert wird. Vorher galt Rosa als männlicher Babyfarbton. […] das „kleine Rot“, wurde Jungen zugeordnet. Blau dagegen ist in der christlichen Tradition die Farbe von Maria. Somit war Hellblau, das „kleine Blau“, den Mädchen vorbehalten. […] Nach dem Ersten Weltkrieg fand ein Umbruch der Auffassungen statt, die Farbe Blau wurde zum Symbol für die Arbeits- und Männerwelt. Die Blautöne der Marineuniform, blaue Arbeitsanzüge, der Blaumann förderte die Symbolik von Hellblau der Jungen. Jungen trugen die zu Anfang des 20. Jahrhunderts modischen (marineblauen) Matrosenanzüge. Für die weiblichen Babys blieb als traditioneller Kontrast das Rosa.”

brigittethe sagt:

Guter Hinweis…

[…] denkwertstatt mit einer Notiz zu einer Studie über die Farbe rosa und ob die weibliche Vorliebe dafür nun angeboren ist oder […]

Christian sagt:

Unseren Geschlechtstrieb erhalten wir in der Pubertät. Er ist demzufolge nicht angeboren.
Bartwuchs beginnt in der Pubertät. Er ist folglich nicht angeboren.

Wir entwickeln sehr viele Fähigkeiten erst später, die biologische Gründe haben.

Interessanter hätte ich eine Studie in einer Kultur gefunden, die nicht vorgibt, dass rosa eine mädchenfarbe ist und das verglichen hätte mit einer Kultur, bei der es so ist.

@ Christian: Nicht ganz. Es gibt zum Beispiel die Genexpression. Die besagt, dass wir nicht alle Genome nutzen, sondern nur diejenigen, die freigeschaltet sind. Diese Freischaltung kann sich wandeln und damit auch die Nutzung unseres Erbgutes.
Merke: Bartwuchs ist durchaus biologisch angelegt; er entsteht mit der hormonellen Wandlung in der Pubertät.
Der Geschlechtstrieb dagegen ist eine umstrittenere Sache; nicht, weil eine gewisse biologische Grundlage nicht angenommen wird, sondern weil man nicht abschätzen kann, aus wie viel Biologie er besteht und wieweit er Kultur ist.

Christian sagt:

@Frederik Weitz

Mein Punkt war ja, dass es durchaus zeitversetzte biologische Vorgänge gibt. Zumal mit 3 Jahren auch die Testosteronproduktion wieder deutlich nach oben geht, wenn natürlich auch noch nicht auf den Stand der Pubertät.
Auch Sprechen erlernen wir recht plötzlich. Die Zeitphasen der Babyentwicklung verlaufen bei den meisten Babies gleich und es zeigen sich viele Fähigkeiten, die sich erst entwickeln. Das sich etwas so unwichtiges wie Farbvorlieben nicht gleich am Anfang entwickelt würde ich sogar für wahrscheinlicher halten als den umgekehrten Fall.
Das alles belegt nicht, dass es diese Farbvorlieben gibt. Es ist nur ein Gegenargument, dass es sie wegen eines späteren Eintretens nicht geben kann.
Deswegen hatte ich ja den Gegentest vorgeschlagen, der die kulturelle Komponente rausnimmt.


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