Notiz am Rande

Immer, wenn von Traumhochzeiten die Rede ist, muss ich unweigerlich an Pierre Bourdieus “Männliche Herrschaft” (1998) denken.

“Die männliche Herrschaft konstituiert die Frauen als symbolische Objekte, deren Sein (esse) ein Wahrgenommenwerden (percipi) ist. Das hat zur Folge, dass die Frauen in einem andauernden Zustand körperlicher Verunsicherung oder, besser, symbolischer Abhängigkeit versetzt werden: Sie existieren zuallererst für und durch die Blicke der anderen, d.h. als liebenswürdige, attraktive, verfügbare Objekte.

(…) oder der Neigung, viel von der Liebe zu erwarten, die, wie Sartre sagt, allein das Gefühl zu vermitteln mag, in den kontingenstesten Besonderheiten seines Seins und zuerst seines Körpers gerechtfertigt zu sein.

Wenn die Frauen eine besondere Neigung zur romantischen oder romanhaften Liebe haben, so wohl zum Teil deshalb, weil sie in ihrem besonderen Interesse liegt: Sie verspricht ihnen nicht nur Befreiung von der männlichen Herrschaft. Sie eröffnet ihnen zudem, sowohl in ihrer üblichsten Form, der Heirat, bei der sie in den männlichen Gesellschaften von unten nach oben zirkulieren, als auch in ihren außergewöhnlichsten Formen einen – oft den einzigen – Weg zum sozialen Aufstieg.” (S.117f)

Zynisch

Am 1. Oktober 2011 wird, wie der Standard berichtet, mit Christa Neuper zum ersten Mal in der 426-jährigen Geschichte der Karl-Franzens-Universität Graz eine Frau das Amt der Rektorin übernehmen. Das ist gut so. Dem kurzen Bericht des Standards ist zu entnehmen, dass Frau Neuper für junge Frauen gerne ein positives Rollenmodell sei und sie sich freue, wenn sie ihnen zeigen kann, dass beides, also Forschung und Familie, zusammen gehe. Auch das ist gut. Außerdem ist dem Bericht zu lesen, dass Frau Neuper anscheinend das, was sie gerne macht, nicht als Belastung sieht. Ebenfalls gut. Dennoch, nein!

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Wochenschau

Die Historikerin und Vorkämpferin in Sachen feministischer Geschichtswissenschaft Edith Saurer ist verstorben. Einen Nachruf gab es unter anderem im Standard und auf science.orf.at.

Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek hätte heute erneut mit Justizministerin Bandion-Ortner um eine mögliche gemeinsame Obsorge verhandeln sollen. Nachdem die Ablöse Bandion-Ortners aber als fix gilt, fehlt derzeit eine Verhandlungspartnerin bzw. ein Verhandlungspartner. Bei einer Diskussionsveranstaltung mit der Ministerin und dem Österreichischen Familienbund waren Aktivistinnen der 20000frauen von Sicherheitskräften aus dem Gebäude gebracht wurden. Nachzulesen auf diestandard.

Gemeinsame Obsorge
Foto: Bettina Frenzel

Der Spiegel berichtet von gezielter sexualisierter Gewalt im Libyen-Krieg: Ärzt_innen haben unzählige Vergewaltigungen durch die Soldaten Gaddafis dokumentiert.

Die Mädchenmannschaft hat die Übersetzung der “Revolutionserklärung der Frauen Saudi-Arabiens” veröffentlicht. Die saudi-arabischen Aktivistinnen haben auch eine Facebook-Seite eingerichtet, auf Twitter könnt ihr sie unter dem Hashtag #SaudiWomenRevolution verfolgen.

Vergangene Woche fand in Berlin die re:publica 2011 statt. Viele deutschsprachige Bloggerinnen waren diesmal wieder mit dabei, die Mädchenmannschaft hat einige Berichte zu den verschiedenen Panels gesammelt. Einen Bericht mit weiteren Links findet ihr außerdem bei Nadine / Medienelite.

Gerechte Bezahlung statt Rosen und Pralinen

Aufruf der 20000frauen:

“Gegen eine Instrumentalisierung der Mütterlichkeit, gegen rechte Mutterkult-Ideologie, Muttersein raus aus dem Privaten!

Die 20000 Frauen planen im Vorfeld des Muttertags eine Veranstaltung, um sich kritisch und aktionistisch mit dem Muttersein auseinanderzusetzen. Dazu suchen wir eure Beiträge und Ideen! Ob subversive Muttertagsgedichte, Fotografien, Muttertags-Performances, politische Texte, Muttertagskitsch-Skulpturen oder musikalische Beiträge – eure Kreativität ist gefragt!

Wir treffen uns am Donnerstag, den 21. April, um 12 Uhr im Rüdigerhof, 1050 Wien zu einem Brainstorming.

Auch abseits von diesem Termin könnt ihr euch jederzeit bei uns einklinken. Mails bitte an presse@20000frauen.at !”

Website: www.20000frauen.at

Auf die Straße!

Am Mittwoch, den 27. April, findet in Wien unter dem Motto “Machen wir uns STARK” eine Demonstration gegen das “Fremden-Unrechtspaket” statt.

“Es liegt jetzt an uns allen. Vor uns liegt ein Fremdenrechtspaket, das Minderjährige ins Gefängnis steckt, ein Mehr an Schubhaft bringt, bürokratische Hürden hochschraubt, noch größere Unsicherheit für zugewanderte Menschen schafft, Beziehungen zerreißt und Familien trennt. Wollen wir das? Oder wollen wir eine menschenfreundliche und menschenwürdige Politik, die die Rechte der Menschen stärkt und das Zusammenleben fördert?”, ist auf der Website zu lesen.

Am 29. April wird im österreichischen Parlament über das Gesetzespaket abgestimmt, das die ÖVP und SPÖ verhandelt haben. Kritik aus den eigenen Reihen gibt es nur vereinzelt, etwa von der SPÖ-Abgeordneten Sonja Ablinger. Viele der geplanten Regelungen werden besonders Frauen hart treffen. Eine umfassendere Information zum Paket findet ihr auf der Website von “SOS Mitmensch”.

Der Ablauf der Demo:
Mittwoch, 27. April

DEMONSTRATION GEGEN DAS UNRECHTSPAKET
18.00 Uhr: Christian Broda Platz / Westbahnhof
18.30 Uhr: Abmarsch Mariahilferstraße
20.00 Uhr: Schlusskundgebung vor dem PARLAMENT

Link:
Machen wir uns STARK auf Facebook

MAYDAY! MAYDAY! Wir sind Parade! heißt es am 1. Mai in Wien. Und wiederum geht es um ein Thema, von dem besonders Frauen betroffen sind: Prekarisierung.

“Wir pfeifen auf die Karotte vor der Nase, die das schöne Leben versprechen soll. Wir sagen der Entsicherung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse den Kampf an. Am 1. Mai heißt es daher wieder: MAYDAY! MAYDAY! Auf zur Parade der Prekären! Die MAYDAY!-Parade in Wien verbindet die Vereinzelten, stärkt die Verunsicherten und schafft Aktionsradius. Wehren wir uns gemeinsam!” – Website

Treffpunkt der Demonstration ist der Wallensteinplatz, dort startet die Parade am 1. Mai 2011 um 14 Uhr. Vorab finden zahlreiche Organisationstreffen und Diskussionsveranstaltungen statt – alle Termine findet ihr hier.

Auch ein (exzellentes) Mobilisierungsvideo wurde produziert:

Wir sehen uns am 1. Mai!
Link:
Mayday auf Facebook

Reife Mädchen, kindische Jungs

Jugendliche Mädchen sind “weiter” als Jungen – dieser Gemeinplatz ist häufig zu hören. Während sich Jungen zwischen 11 und 18 wie Kinder benehmen würden, seien Mädchen schon wesentlich erwachsener.

Die Erziehungswissenschafterin Sabine Jösting hat sich in einer heteronormativitätskritischen Studie mit männlichen Jugendlichen und deren Einordnung in eine heterosexuelle Ordnung auseinandergesetzt. “Jungen scheinen länger und exklusiver als Mädchen in der geschlechtshomogenen Gruppe zu verbleiben. Dabei stärkt der Ausschluss von Mädchen die symbolische Bedeutung der geschlechtshomogenen Gemeinschaft als Konstruktionsort und -mittel heterosexueller Männlichkeit”, schreibt Jösting.

Daraus entstehe der Eindruck, Jungen würden sich – im Gegensatz zu Mädchen – kindisch verhalten. Als Maßstab wird dabei die Beziehung zum “anderen” Geschlecht herangezogen. Das Verhalten der Jungen in der geschlechtshomogenen Gruppe ist laut Jösting aber nicht “kindisch”, sondern dient dem spielerischen Einüben in männliche Umgangs- und Herrschaftsformen.

An Mädchen werden andere Maßstabe angesetzt: “Maßstab für den angeblichen Entwicklungsvorsprung der Mädchen ist die Ideologie einer erwachsenen Heterosexualität, die im Laufe der Adoleszenz eingeübt werden soll und die für Mädchen bereits sehr früh zum Entwicklungsziel erklärt wird. Während sich Mädchen in heterosexuelle Beziehungen einüben und Beziehungsarbeit leisten, bleiben die Jungen unter sich und üben sich in Dominanzstrukturen ein. Die Annahme, Mädchen seien weiter, erweist sich so gesehen als machterhaltendes Instrument zur Kostruktion von Männlichkeit.”

Literatur-Tipp:
Heteronormativität. Empirische Studien zu Geschlecht, Sexualität und Macht. Hg. v. Jutta Hartmann u.a. Wiesbaden 2007