Von Feminisierungs-Krisen und Väterrechtlern, 2

Teil 2 des Interviews mit Paul Scheibelhofer, Soziologe und Gender- bzw. Männlichkeitswissenschafter:


Fühlst du dich manchmal als Einzelkämpfer – als Mann innerhalb der Gender Studies und als kritischer Männlichkeitsforscher im deutschsprachigen Raum?

Also ich habe mich in letzter Zeit explizit mehr auf deutschsprachigen Konferenzen beworben, weil ich gemerkt habe, dass ich fast nur mehr im englischsprachigen Raum unterwegs war. Und auch die Literatur, die ich zitiere, da muss ich mich immer wieder daran erinnern, dass es auch deutschsprachige Literatur gibt, ja, da gibt es durchaus Entfremdungsprozesse, aber ich finde das auch total spannend, Literatur aus dem einen Kontext in den anderen zu Überführen und zu sehen, was da möglich ist. Derzeit probiere ich etwa feministische postkoloniale Zugänge für die Analyse von Migration, Rassismus und Männlichkeit fruchtbar zu machen.

Also ich mache eigentlich gar nicht so viel explizite Männerforschung, ich sehe mich auch eher als jemand, der Genderforschung mit Fokus auf Männlichkeit macht, pure Männerforschung – da spüre ich manchmal ein wenig Unbehagen. Auf Tagungen zu reinen Männerthemen kommt es zum Beispiel oftmals zum Streit zwischen kritischen und unkritischen Forschern. Wenn ich hingegen zwischen Queer-Theoretiker_innen sitze, fühle ich mich um einiges wohler, weil da doch ein politischer Grundkonsens besteht. Also ich bin es mittlerweile eher gewohnt, der einzige Mann in einem Raum zu sein, als mich mit einer Gruppe von Männerforschern zu unterhalten.

Mit welchem Konzept von Geschlecht arbeitest du wissenschaftlich? Braucht man als Soziologe das Konzept der Zweigeschlechtlichkeit?

Ich habe da kein Konzept, das ich in zwei, drei Sätzen abschließend zusammenfassen könnte, das hat sich für mich auch geändert im Rahmen meiner akademischen Auseinandersetzung, es trägt die Spuren meiner bisherigen Laufbahn. Ein konstruktivistisches Verständnis von Geschlecht ist mir prinzipiell sehr wichtig und ich finde Weiterentwicklungen in Richtung Queer Theory und Poststrukturalismus und kulturwissenschaftliche Ansätze sehr spannend, allerdings ist mir eine Rückbindung an soziale Verhältnisse sehr wichtig. Ich halte es für wichtig, sich zu fragen, wie Zweigeschlechtlichkeit hergestellt, kontrolliert und durch tausende Techniken stabilisiert wird.

Das sind eben ganz reale Effekte, wenn der Staat daran glaubt, dass es nur Männer und Frauen gibt. So lange so viele Institutionen darauf aufgebaut sind, dass es zwei Geschlechter gibt, gibt es gute Gründe, sich mit dieser zweigeschlechtlichen Welt auseinanderzusetzen. Ich würde Jeff Hearn zustimmen, wenn er sagt, im Endeffekt geht es darum, Männlichkeit aus der Welt zu schaffen. Männlichkeit ist ein Ausdruck patriarchaler Verhältnisse, bis wir in einer anderen Gesellschaft leben, ist es aber notwendig, sie kritisch zu beforschen.

Dein Dissertationsprojekt trägt den Titel: „Constructing Turkish Migrant Masculinities in an era of ‘Multicultural Trouble’”. Was darf man/frau sich darunter vorstellen?

Mein zentrales Interesse ist, wie in Zeiten verstärkten Integrations- und Diversitätspolitiken Bilder fremder Männlichkeit genutzt werden, um Migrant_innen zu disziplinieren und was von Seiten aktivistischer junger Männer mit Migrationshintergrund dem entgegengesetzt wird. Ich habe mich schon während meiner Diplomarbeit mit der Konstruktion migrantischer Männlichkeiten auseinandergesetzt und es hat sich ein Unbehagen bei mir breit gemacht, weil sich so viele Menschen für das Thema interessiert haben. Viele Leute meinten: Ja, das muss man doch einmal untersuchen, was mit diesen Jungs los ist. Und das habe ich dann als Anlass genommen, um die Perspektive zu verschieben.

Weg von der Frage, wie diese Männer mit Migrationshintergrund jetzt eigentlich sind, hin zu den gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen bestimmte Bilder fremder Männlichkeit produziert werden. Also wie im Reden über „den türkisch-muslimischen Mann“ ein bestimmtes rassistisches Wissen generiert wird. Und diese sogenannte Krise des Multikulturalismus, die ist denke ich sehr wichtig, um zu verstehen, wie derzeit über fremde Männlichkeit gesprochen wird. Aus der Politik kommen Signale, es gebe eben diese gefährlichen Parallel-Gesellschaften und wir müssen jetzt härter durchgreifen, indem wir Integrationsprogramme installieren und Einwanderer testen, wie ihre Einstellung zu Homosexualität und Gleichberechtigung aussieht.

In den 70er Jahren wurde noch darüber gesprochen, ob die so genannten Gastarbeiter gesund, stark und jung sind, um dann hier schlecht bezahlte, gefährliche Arbeit zu verrichten. Dieser Kontext hat sich geändert und damit einher gehen auch andere Bilder von Fremdheit – was ist wünschenswert, was ist bedrohlich, wer soll kommen, wer muss gehen? Für diese Fragen spielen Ideen von eigenen und fremden Kulturen eine wichtige Rolle und diese werden nicht zuletzt über Bilder von Geschlechterverhältnissen und Sexualität ausgehandelt. In meiner Dissertation schaue ich mir neben solchen Diskursen noch ethnographisch an, wie sich Männer, die der so genannten zweiten türkischen Generation angehören, in künstlerischer und politischer Form in diese Aushandlungsprozesse einreklamieren – welche alternativen Bilder da entwickelt werden und wie sie es schaffen oder nicht schaffen, den dominanten Bildern etwas entgegenzusetzen.

Deine Dissertation schreibst du an der CEU, einer Privatuniversität in Budapest. Warum nicht in Österreich?

Ich bin auf diese Universität gestoßen und mich hat es fasziniert, welche Leute dort unterrichten. Es gibt dort ein Gender-Studies Departement mit sehr hohem wissenschaftlichen Niveau und es werden auch Stipendien bezahlt. Ich finde, dass es spätestens bei der Dissertation jemanden geben muss, der einen dafür bezahlt. Man kann das nicht ewig auf Basis von Selbstausbeutung machen. Es ist aber auch recht widersprüchlich, dass ich dort studiere. Im Winter haben wir hier im Rahmen der Hochschulproteste für freien Hochschulzugang und demokratische Universitäten gekämpft und ich schreibe zugleich meine Dissertation an einer Universität, die sich als Elite-Institution am europäischen Hochschulsektor positioniert und nur sehr wenige Studierende aufnimmt.

Wie gehst du mit diesem Widerspruch um?

Einerseits habe ich gemeinsam mit einer aktivistischen Gruppe an der CEU versucht, die Themen und Diskussionen der österreichischen Uniproteste auch dort publik zu machen und Leute anzuregen, sich über Bologna, elitäre Wissensproduktion etc. kritische Gedanken zu machen. Andererseits würde ich sagen, dass die Verhältnisse an der Uni Wien ja fast der worst case sind. Also komplett unterfinanziert, hierarchische Strukturen, etc. Da gibt es an der CEU eben klare Verhältnisse, sie versuchen, amerikanisch zu sein und das hat Vor- und Nachteile. Bei der Situation der österreichischen Unis sehe ich derzeit fast nur Nachteile, was jetzt nicht heißt, dass es nicht auch sehr tolle und kritische Lehrende, Forschende und Institute gibt. Man kann also nicht einfach sagen „gutes österreichisches System“ versus „böses System der CEU“. Hier gibt es, denke ich, keine einfachen Lösungen. Sehr wohl gibt es an beiden Orte gute Gründe für Studierenden- und Lehrendenproteste.

Siehst du dich in zwanzig Jahren noch immer als Wissenschafter? Wie hoch ist das Frustrationspotential im Bereich der Männlichkeitsforschung?

Ich bekomme durchaus sehr viel positives Feedback, also ich habe schon das Gefühl, dass, wenn diese erste Verwunderung verschwunden ist, es sehr viel Interesse für das Thema gibt. Es gibt aber auch kritische Rückmeldungen von feministischer Seite, die ich zum Teil gut nachvollziehen kann. Auf Ö1 etwa gab es vor kurzem eine komplett unkritische Sendereihe zu Männlichkeit und Gefühlen, da verstehe ich, dass Menschen damit ein Problem haben, wenn das Männlichkeitsforschung sein soll: Oje, wie können wir wieder richtige Männer werden? Kritische Männlichkeitsforschung macht eigentlich genau das Gegenteil. Männlichkeit zu dezentrieren, aus den Angeln zu heben und zu fragen, wie schaffen wir soziale Verhältnisse, in denen es nicht mehr um die Frage geht, was richtige und falsche Männlichkeit ist.

Links:
Teil 1 des Interviews
Website Paul Scheibelhofer mit ausführlicher Bibliographie und weiteren Links


Kommentare

Studierende sagt:

Ey sorry, Paul Scheibelhofer ist der Dozent mit dem mackerigsten Gesprächsverhalten, den ich in den letzten Jahren hatte. Der Typ ist wirklich unglaublich!

Mir kommt es eher so vor als habe er da ein Karrierethema für sich entdeckt über dass er schön schwafeln und sich als reflektierter Mann inszenieren kann. Kommt ja auch gut bei den linken Studis an.

brigittethe sagt:

hm, das klingt jetzt aber nach harter persönlicher und damit unfairer kritik…

Studierende sagt:

Ich kann dir das gerne ausführen, möchte aber davon absehen, den Mann zu diskreditieren. Dass das Private, also auch die Erfahrung, politisch ist, hast du davon schonmal gehört? Ist eine Kritik nicht gerechtfertigt, wenn sie “persönlich” ist? Was meinst du mit “persönlich”? Was ist “allgemein gültig”?

Studierende sagt:

Und: Ist es “unfair”, männliche Dominanzpraxen eines Männlichkeitsforschers kritisieren?

brigittethe sagt:

Nein, ich habe es so gemeint: Es hat (aufgrund der Wortwahl) persönlich beleidigend und nicht sachlich geklungen, das finde ich unfair. Inhaltliche Kritik ist ja völlig in Ordnung…

[…] Die Denkwerkstatt führte zum Thema “Feminisierungs-Krisen und Väterrechtlern” ein Interview mit Paul Scheibelhofer, Nachwuchswissenschaftler und Soziologe, der vorwiegend zu den Themen Männlichkeit, Migration, Rassismus und Jugend forscht. (Teil 1 und Teil 2). […]

paul scheibelhofer sagt:

Hallo – an dieser Stelle eine Antwort auf den Vorwurf des männlichen Dominanzverhaltens. (Dabei kann ich mit diesem viel zu langen Posting den Vorwurf des „Schwafelns“ vielleicht nicht entkräften, die (ungeplant) lange Antwort ist aber auch Ausdruck dessen, dass ich die Kritik – so untergriffig sie hier auch vorgebracht wurde – ernst nehme).

Die kritischen Postings beziehen sich offensichtlich auf ein Seminar in Wien von letztem Jahr, in dem eine Gruppe Studierender sich am Ende über mein Gesprächsverhalten beschwert hat. Meine Inputs wären zu lang gewesen, ich hätte Diskussionen zu sehr gesteuert und auch die Tatsache, dass ich während Studierendenreferaten immer wieder nachgefragt und auf bestimmte Punkte, die mir wichtig erschienen, hingewiesen habe, wurde von den der Gruppe problematisiert. Damals wie heute gab mir der Vorwurf, dass ich damit männliches Dominanzverhalten reproduziere, zu denken, da er wichtige Punkte anspricht und meinen eigenen Anspruch von kritischer Auseinandersetzung mit, sowie Forschung und Lehre über Männlichkeiten natürlich stark in Frage stellt. Die mittlerweile jahrelange Auseinandersetzung mit Feminismus und Antirassismus hat bei mir kritische Reflexion über eigene Privilegien und Dominanzpraxen in „privaten“ wie „öffentlichen“ Räumen zu einer ständigen Begleiterin gemacht und so fiel die Kritik auf fruchtbaren Boden (was zunächst v.a. bedeutete, dass mich die Kritik, die auch damals sehr vehement vorgebracht wurde, stark beeindruckte bzw. schockierte).

Seit besagtem Seminar ist nun etwas Zeit vergangen und die Kritik hat vor allem mein Nachdenken über die Schwierigkeiten emanzipativer Lehre (in der an und für sich stark hierarchischen Institution Universität) und meine Rolle darin beeinflusst. Einerseits hat diese Reflexion, denke ich, tatsächlich dazu geführt, dass ich heute etwas weniger in Diskussionen, Präsentationen, etc. eingreife und noch stärker als zuvor den „Verlockungen“ der (männlich kodierten) Dozentenrolle und der damit einhergehenden souveränen Sprecherposition zu widerstehen trachte (ob mir das tatsächlich gelingt, können wohl letztlich nur die SeminarteilnehmerInnen sagen).

Andererseits denke ich aber auch, dass die Situation nicht so einfach ist, wie es die erboste Kritik in den Postings darstellt. Wo hört die Steuerung und Gestaltung von Lehre auf und wo beginnt (männliches) Dominanzverhalten? Wie kann ein kritisch-emanzipativer Anspruch (ein bestimmtes Thema aus einem bestimmten Blickwinkel zu bearbeiten), den „man“ mit der Konzeption einer Lehrveranstaltung ja verfolgt, beibehalten bleiben, ohne den Gestaltungsraum der TeilnehmerInnen einzuschränken? Ich persönlich habe in meinem Studium teilweise sehr enttäuschende Erfahrungen mit Lehre gemacht, die als „offen“ daherkam, tatsächlich aber vor allem bedeutete, dass es kaum ein Konzept gab und diese Leere dann mit unmotivierten Referaten gefüllt wurde. Diese Form der Lehre (so angenehm unaufwendig sie für LektorInnen sein mag) will ich nicht reproduzieren. Das bedeutet nicht, dass ich genau weiß, wie es anders geht und meine Art zu Lehren und die Rolle des Dozenten zu „spielen“, wird sich wohl auch noch ändern (nicht zuletzt aufgrund von kritischem Feedback).

Schlussendlich gehöre ich aber, denke ich, zu jenen Leuten, die es wichtig finden strukturierend in die Lehre einzugreifen. Dass es hier eine gefährliche Nähe zu männlichem Dominanzverhalten geben kann, ist mir bewusst – das ist ein schwieriger Punkt, der mir auch weiterhin zu denken geben wird. Ich glaube aber, dass ein strukturierender Zugang nicht dem Anspruch eigenverantwortlicher, hierarchiekritischer und emanzipativer Lehre entgegenlaufen muss. Im Gegenteil ist gerade dieser Anspruch denke ich, mit ein Grund dafür, wenn Seminare tatsächlich von den TeilnehmerInnen in die Hand genommen werden und Raum für sehr gute und kritische Diskussionen unter den TeilnehmerInnen entsteht, was mir von einigen Studierenden (auch im kritisierten Seminar von letztem Jahr) als explizit positiv rückgemeldet wurde (ob es sich bei allen um „Linke“ handelt, wie im Posting weiter oben vermutet, kann ich nicht sagen).
LG, Paul

andereStudierende sagt:

zu “Meine Inputs wären zu lang gewesen”: Aufgrund meiner Seminarerfahrung finde ich sie eher zu kurz:)


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