Das Schweigen beenden

Dieses Interview habe ich bereits 2014 für die an.schläge geführt. Nachdem meiner Ansicht nach wichtige Gedanken darin enthalten sind, stelle ich es hier online.

Suizid verhindern

Hanna Caspaar vom Verein “Verwaiste Eltern” im Gespräch über Möglichkeiten und Grenzen der Suizidprävention.

Was versteht man unter Suizidprävention?

Suizidprävention heißt im Grunde, Menschen in Krisen dort abzuholen, wo sie sind. Deshalb hat unser Verein „Verwaiste Eltern“ einen nachgehenden Ansatz, wir machen auch Hausbesuche. Aufsuchende psychosoziale Arbeit wäre in der Suizidprävention allgemein ganz wichtig, wird aber nur in wenigen Ansätzen schon verwirklicht. Das Netzwerk GO ON in der Steiermark – wo es die höchste Suizidrate Österreichs gibt – ist so ein Beispiel. Menschen, die einen Suizid planen, gehen nämlich meistens nicht mehr in eine Beratungsstelle. Am besten funktioniert Suizidprävention, wenn man Peers schult, etwa in den Schulen, die dann besonders aufmerksam sind und denen sich Gefährdete anvertrauen können. Dasselbe wäre im Erwerbsarbeitsleben notwendig, dort haben wir noch viel nachzuholen. Besonders schlecht erreichen wir ältere Männer am Land, wo sehr viele Suizide passieren.  Auch in den Altersheimen ist Suizidprävention noch zu wenig gut ausgebaut. Eine weitere Möglichkeit sind HausärztInnen, hier tut sich in Österreich bezüglich Schulungen schon einiges. Aber die Praxen sind meist voll, es gibt sehr wenig Zeit für längere Gespräche, um Probleme abseits von körperlichen Schmerzen zu erkennen und eine mögliche Krisenintervention einzuleiten.

Wie beurteilen Sie die Infrastruktur des österreichischen Gesundheitssystems – wird genügend Wert auf Suizidprävention gelegt?

Nein, das finde ich absolut nicht. Im Vergleich gibt es mehr Suizidtote als Tote durch Verkehrsunfälle. Und seit Jahrzehnten bemüht sich die Politik Verkehrsunfälle zu verhindern, dafür werden Milliarden ausgegeben – um Suizid zu verringern, um Menschen die Hilfe, die sie brauchen, zukommen zu lassen, nur ein Bruchteil davon. Zudem ist Suizid ein Tabuthema, er wird kollektiv verdrängt – das hat in Österreich eine lange Geschichte. Insgesamt gibt es ein umfassendes Fachwissen bei ExpertInnen, aber es wird noch zu wenig weitergegeben. Es ist ganz wichtig, Fachwissen zu übersetzen, eine Sprache zu finden, in der sich Menschen in der Krise auch wiederfinden. Diese Arbeit machen wir kleineren Initiativen schon jahrzehntelang in begrenztem Ausmaß.

Wie internationale Studien zeigen, ist das Suizidrisiko bei LGBTQ-Personen besonders hoch.

Ja, das ist leider richtig, da diese Bevölkerungsgruppen immer noch diskriminiert werden. Hier tut sich zwar einiges an Öffnung, aber die Diskriminierung wird immer subtiler. Das weitaus höhere Suizidrisiko hat auch mit Normalitätsbegriffen zu tun, mit normativen Rollenzwängen. All das führt zu Identitätskrisen, zu Benachteiligung, zu Isolation, weil man sich nicht öffnen kann – wesentliche Risikofaktoren.

Was kann man tun, wenn man in seinem Umfeld Suizid-Absichten bei einem Menschen vermutet?

Es gibt eine Kurzformel: Zunächst diesen Menschen offen ansprechen, auch wenn er_sie abweisend ist, nicht alleine lassen, Kontakt anbieten und Kontakt halten. Und das möglichst auf eine unaufdringliche, respektierende, liebevolle Art. Es geht darum, zu sagen: Es ist mir wichtig, dass du lebst, lass uns gemeinsam etwas finden, ich begleite dich. Natürlich müssen auch Grenzen akzeptiert werden, es ist oft eine schwierige Gratwanderung. Dann geht es auch darum, professionelle Hilfe zu vermitteln. Für den Notfall gibt es natürlich immer auch Kliniken, nur muss dort eine langfristige Therapie beginnen. Viele Suizide passieren nach der Entlassung. Es ist letztendlich nicht möglich, jeden Suizid zu verhindern, aber Kontakt, Nähe, Halt, Trost sind zentrale Faktoren. „Beende dein Schweigen und nicht dein Leben“ ist einer unserer Slogans. Gerade auch in der Literatur wird Suizid immer wieder als „Freitod“ beschönigt. Wenn ich Machtlosigkeit nicht verarbeiten kann, stelle ich so wieder Autonomie her. Es ist ein Selbstheilungsversuch in der Machtlosigkeit, aber es geht darum, Selbstwirksamkeit im Leben herzustellen – mit der Hilfe von anderen. „Jeder ist seines Glückes Schmied“ ist ein tödlicher Satz.

Link: Verwaiste Eltern


Reverse Racism

Dieses Video poste ich bei Gelegenheit immer wieder auf Twitter oder Facebook – gerade ist mir aufgefallen, dass es auf meinem Blog fehlt! Deshalb hole ich das jetzt nach: Gibt es Reverse Racism – also umgekehrten Rassismus gegen Weiße? Ja, sagt der australische Comedian Aamer Rahman und bringt es sehr gut auf den Punkt:


Technologie für die Eliten

Dieses Interview ist in der Ausgabe 3/2016 der an.schläge erschienen.

Brigitte Theißl hat mit der Soziologin Daniela Schuh darüber gesprochen, warum es auch in der Wissenschaft demokratische Mitsprache braucht.

Commons sind in der digitalisierten Wissensgesellschaft ein heißt umkämpftes Thema: Einerseits werden über Creative Commons Inhalte öffentlich geteilt, andererseits kämpfen Interessengruppen für ein rigides Urheberrecht. Wie ist das in der Wissenschaft: Welche Debatten gibt es darüber, wem Forschungsergebnisse „gehören“, die an öffentlich finanzierten Universitäten gewonnen wurden?

Open Access (freier Zugang, Anm. ) ist zu einem brennenden Thema innerhalb der Wissenschaft geworden und es gibt viele Argumente dafür, Forschungsergebnisse im Internet kostenfrei verfügbar zu machen. So könnten wir die Auffindbarkeit wissenschaftlicher Publikationen fördern und die Kommunikation innerhalb verschiedener Disziplinen, aber auch über die Wissenschaft hinaus verbessern. Auch die Kosten, die Universitäten und andere wissenschaftliche Institutionen übernehmen müssen, um Student*innen und Forscher*innen den Zugang zu diversen Fachzeitschriften zu ermöglichen, könnten mit einer offenen Publikationskultur eingespart werden. Nicht zuletzt wird Forschung in weiten Teilen von öffentlichen Geldern finanziert, weshalb sich ein restriktiver Zugang grundsätzlich nicht rechtfertigen lässt.

Leider ist das Publizieren von Open-Access-Artikeln aber oft mit hohen Gebühren verbunden: Beim Springer-Verlag kostet das Publizieren eines Open-Access-Textes etwa 3.000 US-Dollar zuzüglich Steuern – was von den Autor*innen bzw. deren Forschungseinrichtungen bezahlt werden muss. Wie diese Kosten entstehen, ist dabei nicht transparent. Ich begrüße den Schritt hin zu Open Access sehr, denke aber, dass wir uns unbedingt Gedanken über neue Ausschlussmechanismen machen müssen.

Neu entwickelte Technologien haben häufig massive Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Existiert hier ein demokratischer Austausch zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit?

Das ist eine sehr zentrale Fragestellung in der Wissenschafts- und Technikforschung.. Es gibt hier große technologiespezifische Unterschiede. In Österreich existieren im europäischen Vergleich noch wenig Initiativen, um diesen Austausch zu fördern, gerade im Gesundheitsbereich nehmen sie aber zu. Aktuell läuft etwa die Initiative „Reden Sie mit“ des Ludwig-Boltzmann-Instituts, bei der es um mentale Erkrankungen geht. Generell besteht aber die Gefahr, dass ein solcher Austausch einseitig bleibt und es auf einen Informationsfluss von der Wissenschaft an die Öffentlichkeit hinausläuft. Außerdem ist es demokratiepolitisch bedenklich, wenn die Öffentlichkeit erst dann miteinbezogen wird, nachdem Finanzierungsentscheidungen bereits getroffen wurden.

Universitäten werden zunehmend von privaten Geldgeber*innen (teil)finanziert. Wie kann in einem solchen Umfeld sichergestellt werden, dass Forschung öffentlichen Interessen dient?

Die Antwort der privaten Geldgeber*innen würde vermutlich lauten: Hier vollzieht sich eine Selbstregulierung, weil wir darauf achten, was der Markt – und damit die Gesellschaft – braucht. Doch es besteht die Gefahr, dass letztendlich nur die Interessen einer zahlungsfähigen Öffentlichkeit gehört werden bzw. die Wissenschaft nur die Bedürfnisse von ohnehin privilegierten Menschen bedient. Diese Tendenz zeichnet sich längst ab – aber es gibt immer noch Steigerungsstufen.

Die interdisziplinär ausgerichtete Lebenswissenschaft und insbesondere die personalisierte Medizin sind aktuell Bereiche, in die Unternehmen massiv investieren. Welche Gefahren bestehen, wenn medizinische Dienstleistungen zunehmend privatisiert werden? 

Personalisierte Medizin, also das Berücksichtigen individueller Faktoren in Therapien, muss nicht unbedingt mit einer Privatisierung einhergehen, doch es gibt bedenkliche Entwicklungen. Genetisches Screening ist etwa auf dem Vormarsch, während vergleichsweise simple Parameter wie Geschlecht oder Alter bei der Medikamentengabe nach wie vor unberücksichtigt bleiben. Mit diesem Thema sind natürlich auch wissenschaftliche Karrieren verbunden: Eine Publikation zu genetischem Screening kann mitunter weitaus prestigeträchtiger sein als eine zum Thema Altern. Zudem besteht eine weitere massive Diskrepanz: Ausgehend von Entwicklungen hin zu personalisierter Medizin entstehen unterschiedlichste Angebote wie etwa Bio-Banks, die Zellen konservieren und sozusagen eine biologische Lebensversicherung anbieten. Dienstleistungen wie diese werden voraussichtlich nur wenigen Menschen zugutekommen. Die zugrundeliegende Forschung wird hingegen öffentlichen finanziert. Zugleich hat ein Teil der Weltbevölkerung nach wie vor keinen Zugang zu basismedizinischer Versorgung, selbst in Österreich ist Zahnersatz für viele Menschen kaum leistbar. Es stellt sich also die Frage, wofür Ressourcen eingesetzt werden und wer diese Entscheidungen trifft. Die Gefahr auf eine zunehmenden Klassenmedizin hinzusteuern sowie mögliche Auswege müssen transparent gemacht und in einem demokratischen Prozess zur Debatte gestellt werden.

Daniela Schuh ist Universitätsassistentin am Institut für Wissenschafts- und Technikforschung in Wien.


Die Sache mit der FPÖ

Mich stört seit jeher der Klassismus, der sich durch Diskussionen über die FPÖ und ihre WählerInnen zieht. Ausführlicher habe ich das bereits vor einigen Wochen in einem Kommentar für die an.schläge – als Reaktion auf einen “Profil”-Artikel – dargestellt (“Antirassismus, der diskriminiert“).

Auch nach der Bundespräsidentenwahl ging es wieder los mit den hämischen Bemerkungen zum Wahlverhalten nach dem Bildungsgrad: “Dumme” wählen FPÖ. Wer dieser Meinung ist, spielt nicht “den Rechten in die Hände”, sondern hat einerseits ein klassistisches Weltbild und andererseits vielleicht auch ein schiefes Bild vom Konzept der (Formal-)Bildung. Eine elitäre Schlagseite war “der Linken” (grobe Verallgemeinerung, ich weiß) – zumindest seit ich politisch aktiv bin – wohl immer schon immanent. In meiner linken/linksliberalen/feministischen Blase gehöre ich als Person, die nicht in einem AkademikerInnen-Haushalt aufgewachsen ist UND keine Eigentumswohnung besitzt, ganz klar einer Minderheit an. Wenn jetzt eben diese Menschen, auf die ein Erbe im sechsstelligen Bereich wartet (Reichtum wird ja vererbt, wie wir wissen), andere Menschen ohne vergleichbares Sozial- und Finanzkapital lächerlich machen, weil sie “Angst haben, dass man ihnen etwas wegnehmen könnte”, ist das mitunter ignorant und zynisch.

Und solche Haltungen spiegeln sich natürlich auch in der politischen Kommunikation wider. Dass GeringverdienerInnen sich von den unterschwellig klassistischen “Bio macht schön”-Sackerln – 250 g Bio-Tomaten für 3,99 Euro – nicht angesprochen fühlen, liegt auf der Hand. (Das soll jetzt keine Pauschal-Abrechnung mit den Grünen sein, es ist nur ein gutes plakatives Beispiel wie ich finde.) Warum wer welche Partei wählt, hängt also wahrscheinlich nicht nur mit dem Parteiprogramm zusammen – wie uns letztendlich die FPÖ gelehrt hat.

Es gibt also gute Gründe, solche Debatten zu hinterfragen und ich freue mich, wenn das auf breiter Basis passiert. Aktuell scheint dies jedoch in eine sehr seltsame Richtung abzugleiten. Ein Posting des Autors Thomas Glavinic zum Umgang mit FPÖ-AnhängerInnen machte da etwa die Runde und wurde gefeiert. Er schreibt darin: “Leute, die jeden, der sagt, er ist stolz, Österreicher zu sein, mit einem gewissen Recht als schlicht gestrickt bezeichnen, schämen sich plötzlich, Österreicher zu sein. Ja, dann schämt euch doch. Wandert aus! Das hilft bestimmt weiter. Hauptsache, man gehört zu den Guten. Wieso mit diesen Bösewichten reden? Wieso ihre Ängste einmal ernst nehmen?” Dieses Statement vermischt sich mit unzähligen Kommentaren, was nun alles vor der Stichwahl den Rechten in die Hände spielen würde: Demonstrationen, Antifaschismus, Lagerwahlkampf und überhaupt jegliche “Anti-“Haltung. Heraus kommt (zumindest in meiner virtuellen Blase) ein Schimpfen auf die Gutmenschen und ihre Moral, auf die politische Korrektheit und linke Krawallmacher, die die Heimat Österreich verunglimpfen. Klar politisch Haltung zu zeigen, für den Schutz der Menschenrechte (inkl. Asyl), gegen Sexismus, Rassismus und Homophobie einzutreten, hat allerdings so gar nichts mit “moralischer Selbstüberhöhung” und Selbstgefälligkeit zu tun, sondern ist vor allem angesichts politischer Entwicklungen in den Nachbarländern wichtiger denn je. Wenn ich die Angst vor “Überfremdung”, vor Gewalt oder Arbeitplatzverlust wirklich ernst nehme, liefere ich auch (Gegen-)Argumente und mache meinen Standpunkt deutlich. Den Rechten spielt nämlich vor allem eines in die Hände: sie zu wählen.


Film-Tipps

Diese beiden Musik-Dokus sind die besten, die ich seit langer Zeit gesehen habe: “Amy – The Girl Behind the Name” (2015) und “What Happened, Miss Simone?” (2015). Absolut sehenswert!


Verlinkt

Einige Links in eigener Sache: Auf Diestandard.at durfte ich für den Artikel “Risikofaktor Männlichkeit” mit profeministischen Männern und einer Rechtsextremismus-Forscherin über den Männlichkeits-Diskurs in der Flüchtlingsdebatte sprechen.

Statt auf der Denkwerkstatt habe ich im Februar auf Mosaik gebloggt – und zwar über den “Neo-Maskulinisten” Roosh V und seine frauen- bzw. menschenverachtende Ideologie.

In der aktuellen Ausgabe der an.schläge durfte ich einige Texte zum Überwachungsschwerpunkt beitragen – u.a. habe ich Anne Roth und Leonie Tanczer interviewt.

Das tolle Online-Magazin “Migrazine” ist meiner einer neuen Ausgabe zurück: “Wie hat der ‘lange Sommer der Migrationen‘ von 2015 die politischen Realitäten verändert? Um diese Frage zu beantworten, greifen die Autor_innen dieses Schwerpunkts unterschiedliche Themen auf: Sie kritisieren Abschiebungen und eurozentrisches Hilfsdenken, setzen sich mit verschiedenen Formen des Widerstands auseinander und zeigen Wege der Solidarität mit den Kämpfen von Migrant_innen auf.”

Auch außerhalb des aktuellen Schwerpunkts auf Migrazine äußerst lesenswert: “Prololesben und Arbeiter*innentöchter“.

Ich habe mich in einem an.schläge-Kommentar über den Klassismus in der Berichterstattung über FPÖ-Wähler_innen geärgert.

Aktuell wird in Österreich gegen Bezieher_innen der Mindestsicherung gehetzt, rassistische Ressentiments werden für die Kürzung von Sozialleistungen eingespannt. Die Armutskonferenz macht sich immer wieder die Mühe, verbreitete Falschmeldungen und Berechnungen mit Statistiken und Studien zu widerlegen. In der “Kleinen Zeitung” berichtet eine Bezieherin  der Mindestsicherung “von ihrem Alltag mit finanziellem Minimum, Existenzängsten und Wünschen”.

Die Mädchenmannschaft berichtet über die Kampagne “Sanktionsfrei”: “Sanktionsfrei ist eine kostenlose Online-Plattform, die Hartz-IV-Sanktionen endgültig abschafft: Wir verpassen den Jobcentern ungefragt ein freundliches Online-Portal, das Betroffene umfassend informiert und kompetent begleitet.” Unterstützer_innen gesucht!

“Es kommen viele hochgradig traumatisierte Frauen” – lesenswertes Interview über Frauen im bewaffneten Widerstand gegen den IS und weibliche Flucht

Wenn ihr “Suffragette” noch nicht gesehen habt, solltet ihr das unbedingt nachholen! Nicht nur, dass die Geschichte frauen*politischer Kämpfe endlich im Kino erzählt wird, der Film stellt eine Wäscherei-Arbeiterin (großartig Carey Mulligan) in den Mittelpunkt (Rezension auf der Mädchenmannschaft). 

Beate Hausbichler hat auf Diestandard.at ein gerade erschienenes Buch über die Suffragetten rezensiert.


Köln oder Hallo, geht’s noch?

Zu den massenhaften Übergriffen in der Silvesternacht in Köln und den daraus entstandenen Debatten haben schon viele kluge Leute viele kluge Texte geschrieben (habt ihr euch #Ausnahmslos schon angesehen?). Dem ist an sich nichts hinzuzufügen, aber ein Aspekt der österreichischen (innenpolitischen) Debatte macht besonders wütend.

Nicht nur in Österreich, auch in Deutschland haben unzählige Menschen – vorrangig Mitglieder konservativer und rechter Parteien – über Nacht sexuelle Gewalt als Thema entdeckt, das ab sofort ganz oben auf ihrer Agenda steht. Zumindest wenn es sich bequem als Argumentationsgrundlage für rassistische Theorien oder Forderungen nach schnelleren Abschiebungen und “Obergrenzen” für Flüchtlinge heranziehen lässt. Wie scheinheilig das ist und wie falsch, muss ich denke ich nicht näher ausführen. Trotzdem möchte ich einzelne Beispiele herausgreifen, die mir besonders unverfroren erscheinen. Da wäre etwa Herr Franz. Dank der ÖVP könnte uns der rechtskonservative Politiker, den vor allem sein “Pograpsch-Sager” bekannt gemacht hat, noch länger erhalten bleiben. Und dieser Herr Franz zeigt sich plötzlich schockiert angesichts der Übergriffe, die da in Köln passiert sind. Die (heimischen!) Frauen müsse man ja schützen.

Wir erinnern uns, noch vor einem halben Jahr war er derjenige, der mit aller Kraft und viel medialer Unterstützung versucht hat, die Reform des Sexualstrafrechts zu verhindern. Österreich hat ein vorbildliches Gewaltschutzgesetz und mittlerweile auch ein sehr gutes Sexualstrafrecht. Was hierzulande bereits umgesetzt wurde, wird in Deutschland nun diskutiert. Dort ist die Rechtslage nämlich nach wie vor so, dass Opfer einer Vergewaltigung nachweisen müssen, dass sie sich ausreichend gewehrt haben – ein “Nein” reicht nicht aus. Auch Belästigungen wie das Grapschen sind nicht strafbar.

Dass in Österreich die Gesetzeslage vergleichsweise gut abschneidet, ist nicht der Verdienst von Politikern wie Herrn Franz oder ähnlichen Herrschaften – frauenpolitische Organisationen, Beratungseinrichtungen und autonome Feminist*innen kämpfen seit Jahrzehnten dafür, das Thema Gewalt (ganz egal, von wem ausgeübt) begleitet die Frauenbewegungen seit ihrer Entstehung. Trotz harten Gegenwinds und mit der Unterstützung einiger (Frauen-)PolitikerInnen wurde das Thema aus dem Privatraum in die Öffentlichkeit geholt, Frauenhäuser und Beratungseinrichtungen gegründet – und letztendlich auch Gesetze angepasst und verbessert. Die Expertise dafür lieferten und liefern unter anderem kluge Juristinnen, und das oft ehrenamtlich in ihrer Freizeit.

Menschen wie Herr Franz oder FPÖ-PolitikerInnen, die meinen, dass “Frauenhäuser Ehen zerstören” würden, haben tatsächlich so wenig Schamgefühl, dass sie nach Ereignissen wie jenen in Köln in die Öffentlichkeit treten und verlautbaren, Feministinnen würden das Problem totschweigen. “Wo bleibt der #Aufschrei jetzt?”, wird da unter anderem gefragt. Mal abgesehen davon, dass Feministinnen sich nicht auf Zuruf über ein Thema empören müssen, das sie seit Jahrzehnten mühevoll beackern, fällt es unter die Kategorie Verschwörungstheorie, wenn da behauptet wird, sexuelle Gewalt, die von Migranten ausgeht, würden Feministinnen verleugnen oder gar gutheißen. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass in derartigen Fällen vorsichtiger kommuniziert wird, auch ich habe mich ein wenig darüber gewundert, warum im feministischen Umfeld die Vorfälle in Rotherham kaum Thema waren. Antirassismus und Feminismus dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, schreibt dazu Natascha Strobl. Die Phantasien der feministischen Verleugnung sind aber in jedem Fall Unsinn.

Herr Franz und seine Kollegen hingegen sind ganz vorne dabei, wenn es um das Leugnen von rape culture geht. Was wäre eigentlich passiert, wenn nicht Marcus Franz, sondern der Vertreter einer muslimischen Organisation öffentlich verkündet hätte, dass er seine Frau durchs Pograpschen kennengelernt habe und die Frauen sich nicht so aufregen sollten? Hätte er – vielleicht zusammen mit einem anderen Vertreter einer muslimischen Organisation, der der Meinung ist, dass starke Frauen sich doch eh selbst wehren könnten – auch ein “Im Zentrum” Spezial bekommen? Ja, das waren schon “Herrenwitze zum Totlachen”, wie Colette M. Schmidt im “Standard” schrieb, eine richtig zünftige Debatte. Puls 4 handelte das Thema übrigens unter dem Titel “Pograpschen, Hymnenstreit, Rollenbilder – Kommt der Aufstand der Konservativen?” ab und fragte: “Welche Werte brauchen wir?” “Harmloses” Grapschen ist ein österreichischer Wert, hätte man da meinen können.

Warum so viele Frauen sexuelle Gewalt nicht anzeigen, hängt übrigens nicht nur damit zusammen, dass sie sich schämen (oft kommen die Täter aus dem nahen Umfeld), sondern auch damit, dass sie Angst davor haben, dass ihnen nicht geglaubt wird. (Vielleicht hat es nach der Silvesternacht in Köln auch deshalb so viele Anzeigen gegeben, weil die Betroffenen gesehen haben, dass es gesellschaftlich anerkannt wird, dass sie massives Unrecht erfahren haben.) Mediale Debatten, wie sie im Frühjahr vergangenen Jahres  stattgefunden haben, tragen dazu bei, ein Klima zu schaffen, in dem Opfer nicht ernstgenommen werden. In dem es noch immer “Kavaliersdelikte” gibt und Frauen, die eben nachts nicht alleine auf die Straße gehen sollten. Sexuelle Gewalt ist kein Problem, das wir “importiert” haben und keines, das wir abschieben können. Was es aber braucht, um das Problem nachhaltig zu bekämpfen, kann zum Beispiel hier sehr gut zusammengefasst nachgelesen werden, eine umfassende Studie zu Gewalt gegen Frauen in 28 EU-Staaten (die medial leider wenig Beachtung fand und nicht zu Diskussionsrunden motivierte) ist hier zu finden.

Link: Frauenhelpline gegen Gewalt