Unterschreibt!

Wie ihr vermutlich schon gehört und gelesen habt, startet 2018 das Frauenvolksbegehren 2.0. Hinter der Initiative steht ein Team engagierter feministischer Aktivist*innen, die einzelnen Forderungen (von Arbeitswelt über Gesundheit bis hin zu Gewaltschutz) könnt ihr hier nachlesen.

Mein Tipp: Auch wenn ihr nicht jede Forderung unterstützen könnt, euch etwas fehlt oder euch das Instrument Volksbegehren nicht unbedingt sympathisch ist: Macht trotzdem mit! Österreich hat in diesen Zeiten eine (differenzierte) frauenpolitische Debatte gerade mehr als nötig.

In einem ersten Schritt braucht es 8.401 Unterstützungserklärungen, damit das Frauen*Volksbegehren (voraussichtlich im Sommer) tatsächlich starten kann.

So funktioniert es:
“Wir beginnen am 12. Februar 2018 Unterstützungserklärungen zu sammeln. An diesem Tag tritt das Wahlrechtsänderungsgesetz 2017 in Kraft und es ist möglich, Unterstützungserklärungen per Bürger*innenkarte bzw. Handysignatur – also auch von zuhause aus – abzugeben. In Papierform kann man die Unterstützungserklärung an jedem Gemeindeamt in Österreich – unabhängig vom Hauptwohnsitz – abgeben. Die Unterstützungserklärungen werden den Unterschriften der späteren Eintragungswoche angerechnet.”

Und: weitersagen!

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Credit: Christopher Glanzl


Soziale Ausgrenzung im Tod

„Der Friedhofsgräber ist ein anderer als beim letzten Mal. Er sagt jeweils den Namen des Verstorbenen, wenn er die Urne einsinken lässt, und ‚Ruhe in Frieden‘. (…) Ben und ich weinen und schauen dem Friedhofsgräber zu, wie er die Schubkarre ranfährt und die fünf Gräber zubuddelt“, schreibt Francis Seeck. Seeck, Berliner Kulturanthropolog_in und Antidiskriminierungstrainer_in, widmet sich in „Recht auf Trauer. Bestattungen aus machtkritischer Perspektive“ Ausgrenzung und Marginalisierung, die auch nach dem Tod nicht aufhören. Seecks Vater wurde 2009 in Berlin ordnungsbehördlich bestattet, das heißt ohne Zeremonie und ohne Angehörige. Ausgehend von der eigenen Betroffenheit stellt Francis Seeck nun im Rahmen von teilnehmender, engagierter Forschung die Frage, wer betrauerbar ist und wie Klassismus sich auch in der Bestattungspraxis manifestiert.

In Deutschland gilt eine Bestattungspflicht für Tote, die bei den Erb_innen und unterhaltspflichtigen Verwandten liegt. Findet das zuständige Ordnungs- oder Gesundheitsamt innerhalb eines kurzen Zeitraums diese nicht, werden die Verstorbenen anonym bestattet – namenlos, ohne Trauerfeier oder Blumen. Aktuell werden immer mehr von Armut betroffene Menschen so bestattet, schreibt Seeck, oft sind es Menschen, die auch abseits der heteronormativen Kleinfamilie gelebt haben. In klarer Sprache macht Seeck in dem dünnen Band die soziale Ausgrenzung auf Friedhöfen deutlich und zeigt Interventionen für ein Recht auf Trauer auf. Ein großartiges Buch, das mit der Botschaft endet: „Ich wünsche mir, dass mehr über Sterben, Armut und Tod gesprochen wird.“

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Francis Seeck: Recht auf Trauer. Bestattungen aus machtkritischer Perspektive
edition assemblage 2017, 10,10 Euro

Diese Rezension ist in an.schläge VIII/2017 erschienen.
Francis Seeck im Denkwerkstatt-Interview


5 Filmtipps zum Thema Klasse/Klassismus

Die nächsten Interviews mit Aktivist_innen/Autor_innen…  folgen, versprochen, damit sich auf dem Blog endlich wieder etwas tut: 5 äußerst sehenswerte Filme, die sich mit Klassenverhältnissen auseinandersetzen:

1. Moonlight (2016)
“Moonlight” (Regie: Barry Jenkins) erzählt vom Leben eines jungen, schwulen Afroamerikaners und hat zurecht den Oscar in der Kategorie Bester Film gewonnen: mutig, innovativ, ein Lehrstück in Sachen race, class, gender als gesellschaftliche Platzanweiser.

 

2. Wendy and Lucie (2008)
Regisseurin Kelly Reichhardt erzählt die Geschichte von Wendy (Michelle Williams), die mit ihrer Hündin Lucy durch die USA reist und keinen festen Wohnsitz hat. Bedrückend – und niemals voyeuristisch.

 

3. Lichter (2003)
Hans-Christian Schmid hat diesen Episodenfilm an der deutsch-polnischen Grenze angesiedelt. “Ein sorgsam ausbalanciertes Zeitbild zwischen Melodram und Sozialrealismus: der eindringlichste und wichtigste deutsche Film seit langem.”

 

4. Die Alpensaga (1976-1980)
6-teiliges Fernsehdrama von Peter Turrini und Wilhelm Pevny, das mit den Konventionen des Heimatfilms bricht und das Leben in einem oberösterreichischen Dorf zwischen 1900 und 1945 porträtiert.

 

5. Maria voll der Gnade (2004)
Der in den USA und Kolumbien produzierte Film erzählt die Geschichte der jungen Arbeiterin Maria, die auf der Suche nach einem besseren Leben Drogen in ihrem Körper in die USA schmuggelt.


Verlinkt

Der aktuelle Wahlkampf ist – befeuert von den Freiheitlichen und der medial dauerpräsenten ÖVP – geprägt von Hetze gegen Menschen, die Sozialleistungen wie die Mindestsicherung beziehen. Es sind die “Leistungsträger”, die “Fleißigen”, für die die “neue” Volkspartei etwas tun möchte, der in Österreich gut ausgebaute – und dennoch in verschiedenen Punkten verbesserungswürdige – Sozialstaat wird angegriffen, indem rassistische Ressentiments gegen Geflüchtete, gegen Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft geschürt werden. Medial geht diese Strategie leider auf: Schon vor der Affäre Silberstein wurde allerorts diskutiert, ob Geflüchtete dieselben Sozialleistungen wie StaatsbürgerInnen bekommen sollen, für eine differenzierte Auseinandersetzung mit Fragen von Verteilungsgerechtigkeit – oder gar der Menschenrechte – gibt es hingegen wenig Raum. Hier einige Leseempfehlungen zum Klassenkampf von oben:

Welche Folgen die Deckelung der Mindestsicherung in Niederösterreich hat, zeigt folgender Fall: Einer wohnungslosen Frau in Krems wurde die Mindestsicherung auf rund 226 Euro gekürzt, weil sie einen Platz in einer Wohngemeinschaft bekam, berichtet der Standard. Einen Bericht dazu gibt es auch auf FM4.

Die Armutskonferenz zeigt anhand von weiteren Beispielen die Auswirkungen der Kürzungen im Mindestsicherungsgesetz auf.

Auch das vermeintliche Vorbild-Modell Hartz IV zerpflückt die Armutskonferenz: “In Deutschland hat sich die Zahl der Menschen, die arbeiten und trotzdem arm sind, seit 2005 verdoppelt.”
Einen ausführlichen Schwerpunkt zu den Auswirkungen von Hartz IV gab es auch in der Ausgabe III/2015 der an.schläge.

Vermögen befindet sich in Österreich in den Händen weniger: Laut einer aktuellen Schätzung soll das reichste Prozent der Bevölkerung 40,5 Prozent des gesamten Nettovermögens besitzen. Anschauliche Grafiken dazu sind auf der Website der Arbeiterkammer zu finden. Den Bericht der Arbeiterkammer gibt es hier zum Download. Weitere Infos zur Vermögensverteilung in Österreich sind auf www.verteilung.at (Seite des Jahoda Bauer Instituts) zu finden. Zusätzlich ist Vermögen in Österreich – wenig überraschend – sehr ungleich zwischen den Geschlechtern verteilt.

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“Das Wahlprogramm der neuen ÖVP begünstigt besonders die reichsten drei Prozent“, analysiert Stephan Schulmeister.

“Seit zehn Jahren ist es legal, osteuropäische Frauen für Pflegearbeit nach Österreich zu holen. Ein fragwürdiges Jubiläum. Für rund 800 Euro arbeiten sie zwei Wochen lang durchgehend. Zwischen Ausbeutung und Sinnhaftigkeit: Ist die Legalisierung gelungen?”, schreibt Teresa Havlicek auf dem Mosaik-Blog.

Alleinerziehende, die in Österreich massiv von Armut und Ausgrenzungsgefährdung betroffen sind, kämpfen in Österreich seit Jahren für eine verbesserte gesetzliche Regelung des Unterhalts. Nach einer scheinbaren Einigung aller Parteien in einer TV-Diskussion spielt die ÖVP nun erneut die “Ausländer-Karte”. Aktuelle Infos zum Thema und dazu, was ihr tun könnt, findet ihr u.a. auf der Facebook-Seite der ÖPA.


Filmtipp: Sameblod

In “Sameblod” erzählt die schwedische Regisseurin Amanda Kernell die Geschichte von Christina bzw. Elle Marja, so ihr samischer Name. Im Schweden der 1930er-Jahre wächst die junge Frau in einer Internatsschule auf, die ausschließlich Sami-Kindern vorbehalten ist. Die staatlich legitimierte Rassenlehre schreibt der indigenen Bevölkerungsgruppe Nordschwedens mangelnde intellektuelle Fähigkeiten zu, Samen gelten in der Bevölkerung als schmutzig und minderwertig. Elle Maria, die davon träumt, Lehrerin zu werden, gelingt der Ausbruch aus ihrer Umgebung nur, indem sie die allgegenwärtige Abwertung selbst verinnerlicht und sich fortan Christina nennt.

Mit ihrem Debut ist Kernell ein außergewöhnlicher Film gelungen, es ist eine berührende Geschichte, die deutlich macht, wie Rassismus und Klassismus zusammenspielen und welche Folgen diese toxische Mischung für die schwedische Gesellschaft hatte. Dringende Empfehlung!


Interview: Francis Seeck

Wie bereits angekündigt starten wir hiermit unsere Interview-Serie zum Thema Klasse/Klassismus, wir freuen uns, dass Francis Seeck die Gesprächsreihe eröffnet!

Wie bist du dazu gekommen, dich mit Klasse/Klassismus auseinanderzusetzen?

Ich verstehe mich als poverty class academic, als Akademiker_in aus einem Armutshintergrund. Klassenunterschiede sind mir schon als Kind aufgefallen, auch wenn ich sie nicht so benennen konnte. Ich bin in Berlin Kreuzberg aufgewachsen und in einen linken Kinderladen gegangen, in dem viele der Kinder aus der Mittelschicht waren. Meine Mutter war alleinerziehend, aus dem Osten ausgereist und wir haben von Hartz 4 gelebt, zeitweise habe ich auch in einer Pflegefamilie gelebt. Mein Vater hatte immer wieder verschiedene Jobs, von Friedhofsgräber über Erntehelfer, aber oft auch keinen. Ich kann mich an einige Klassismuserfahrungen erinnern, die ich bereits als Kind gemacht habe. Zum Beispiel, als ich im Jobcenter bereits in der 10. Klasse dazu genötigt
wurde einen Vermittlungsbogen auszufüllen, obwohl ich Abitur machen wollte. Das werden wir ja sehen, sagte die Sachbearbeiterin skeptisch zu mir. Auch auf dem Kreuzberger Gymnasium wurde uns des öfteren gesagt, dass wir später doch eh von Hartz4 leben werden. Mir fallen auch noch einige andere Erlebnisse ein, für die ein Interview nun nicht der richtige Raum ist.

Mir ist relativ früh aufgefallen, das es bei meinen Freund_innen, deren Eltern Ärzte und Lehrer_innen waren, zuhause anders aussah und die auch ein anderes Leben hatten. Gleichzeitig spielte Bildung und Bücher lesen für meine linken Eltern immer eine große Rolle, meine Mutter studierte später, mein Vater las viel – auch ohne formelle Bildungsabschlüsse. Mir fiel der Einstieg ins Studium wahrscheinlich auch deswegen relativ leicht. Heute schreibe ich meine Doktorarbeit. Ich habe mich früh in verschiedenen Klassenkontexten bewegt und Klassenreisen hinter mir, die teilweise auch mit Unwohlgefühlen verbunden waren.

Ich war dann schon früh in linken und queer-feministischen Räumen aktiv, wo häufig wenig über Klassenunterschiede geredet wird. Oft ziehen sich Aktivist_innen aus Mittelschichts-Elternhäusern extra abgerissene Klamotten an, um ihren alternativen Lebensstil zu betonen. Sie betonen, wie prekär sie doch seien und verschweigen Erbschaften und Sicherheitsnetze im Hintergrund. Als ich zum ersten Mal mit einem Klassismus-Workshop in Berührung gekommen bin war das für mich eine sehr einprägsame Erfahrung. Es war bereichernd mich mit anderen Menschen aus ähnlichen Klassenhintergründen auszutauschen über Klassismuserfahrungen und zu verstehen, dass meine Erfahrungen etwas mit Machtverhältnissen und Strukturen zu tun haben. Ich war auch in Kälteschutzeinrichtungen für wohnungslose Menschen aktiv, in denen ich Kontakt mit der Gewalt bekommen habe, denen wohnungslose Menschen ausgesetzt sind.

Gibt es Texte, die dich besonders geprägt haben?

Ich bin relativ früh auf den Blog Class Matters von Clara Rosa gestoßen. Das ist ein Empowerment-Blog für Menschen die Klassismus erfahren (haben). Ich konnte mich in vielen der Erfahrungen wiederfinden. http://clararosa.blogsport.de/ Auch das Hörspiel „Mit geballter Faust in der Tasche – Eine Lesung über Normen der Mittelschicht in der Linken“ fand ich ziemlich gut. Ein super Übersichtsbuch finde ich immer noch „Klassismus. Eine Einführung“ von Andreas Kemper und Heile Weinbach. In den letzten Monaten hat mich das Buch “Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag. Antiklassistische Interventionen in der Frauen- und Lesbenbewegung der 80er und 90er Jahre in der BRD” von Julia Roßhart sehr begeistert. In dem Buch macht sie klassismuskritischen Aktivismus sichtbar, der oft vergessen wird. Auf meiner Leseliste steht seit langem „Where we stand. Class Matters“ von bell hooks.

Welche Projekte hast du selbst schon umgesetzt?

Ich organisiere selber Workshops und Trainings zu dem Thema Klassismus in linken und queeren Räumen. Thema bei den Trainings sind vor allem die Biografien und Klassenhintergründe- und erfahrungen der Teilnehmer_innen. Da geht es zum Beispiel um Klassismuserfahrungen, die Leute in linken und queer-feministischen Bewegungen machen. Es geht um Klassenreisen, die teilweise zur Entfremdung mit der eigenen Herkunftsfamilie führen. Es geht auch um einen Austausch von Menschen, die in Pflegefamilien oder Heimen ausgewachsen sind. Es geht darum die individuellen Klassismuserfahrungen als politisch zu begreifen und antiklassistische Praxen und Empowerment-Räume aufzubauen. Ich habe auch eine queer-feministische Trauergruppe mit aufgebaut, in der Trauer in Verbindung mit Klassismus ein großes Thema ist. Ich bin außerdem mit Andreas Kemper und Tanja Abou bei dem »Institut für Klassismusforschung« aktiv. https://klassismusforschung.wordpress.com
Zudem bin ich bei den Careleavern aktiv, ein Netzwerk für Menschen, die als Kinder und Jugendliche in Heimen oder Pflegefamilien gewohnt haben. https://www.careleaver.de

Warum denkst du ist es wichtig, sich mit Klasse/Klassismus zu beschäftigen und siehst
du diesbezüglich Leerstellen in linken/feministischen Bewegungen?

Es wird sich viel zu wenig mit Klassismus beschäftigt, auch in queer-feministischen und linken Kontexten. Oft wird so getan, als wären wir alle gleich und es werden automatisch ein ähnlicher Klassenhintergrund und ähnliche Klassenerfahrungen angenommen. Klassenprivilegien werden oft nicht benannt. Mittelschichts-Linke erwähnen dann mal im Nebensatz, dass sie ja drei Häuser erben werden, diese aber nicht gebrauchen können. Es wird viel Wert auf Szene-Codes gelegt („alternative Klamotten“) etc., sich abzugrenzen, und der eigene Klassenhintergrund wird so oft verschleiert. In den Empowerment-Räumen für Menschen mit Armuts- oder Arbeiter_innenhintergrund erlebe ich auch, wie schwer es ist in queer-feministischen Kontexten über Klasse und Klassismus zu sprechen. Dies ist oft durch Scham und Vereinzelung geprägt und dem Angst vor voyeuristischen Kommentaren. Außerdem ist die linke und feministische, queere Bewegung oft sehr akademisch geprägt und schriftliches Wissen wird mehr geschätzt als andere Formen des Wissens. Ich finde es auch wichtig, dass sich queer-feministische Bewegungen gegen Hartz 4 Reformen, Sozialabbau und neoliberale Politik stellen, da auch viele queere Menschen von Armut und Klassismus betroffen sind.

Warum arbeitest du mit dem Klassismus-Begriff?

Ich finde den Klassismus-Begriff sinnvoll. Klassismus bedeutet die Diskriminierung aufgrund deiner Klassenherkunft oder sozialen Position. Diese Abwertung und Ausgrenzung richtet sich z.B. gegen Erwerbslose, Arme, Wohnungslose, Pflegekinder, Heimkinder und viele andere Menschen. Der Begriff ist verwandt mit den Begriffen Sexismus, Rassismus oder Transfeindlichkeit. Ich denke, dass die Auseinandersetzung mit Kapitalismus/Neoliberalismus und Klassismus als Diskriminierungsform zusammengedacht werden müssen. So ist ein Glaubenssatz des Neoliberalismus, dass jede Person aufsteigen kann, wenn sie sich nur genug anstrengt und dass Armut selbstverschuldet sei. Diese Ideen müssen angefochten werden. Klassismus lässt sich nicht von Rassismus und Sexismus trennen, das wird schon dann deutlich, wenn man sich anschaut, wer von Armut betroffen ist und wer welche Arbeit verrichtet.

Du hast ein Buch geschrieben, in dem du dich mit der Bestattungspraxis in Deutschland auseinandersetzt. Wie bist du auf dieses Thema gestoßen und worum geht es konkret in dem Buch?

In dem Buch geht es um die Frage: Wer ist betrauerbar? Klassistische Ausgrenzung und Marginalisierung hören auch nach dem Tod nicht auf. Die Bestattungspraxis in Deutschland ist von Machtverhältnissen, insbesondere von Klassismus und Heteronormativität, geprägt. Die Schere zwischen den Menschen, die sich eine teure und individuelle Bestattung leisten können und jenen, denen das Geld für die Beerdigung fehlt, geht zunehmend auseinander. Immer mehr Menschen werden anonym von Gesundheits- und Ordnungsämtern bestattet. Mit dem Thema bin ich durch den Tod meines Vaters in Kontakt gekommen, sowie durch mein Engagement bei einer Kälteschutzeinrichtung für Wohnungslose Menschen. In dem Buch ‘Recht auf Trauer’ richte ich meinen Blick auf die historische Kontinuität sozialer Ausgrenzung auf Friedhöfen sowie auf die aktuellen Zustände. Ich zeige auch verschiedene Formen des Widerstands, die sich gegen das klassistische und sozialdarwinistische Bestattungssystem richten, auf. Sowohl meine eigene Trauergeschichte sowie verschiedene Lebensgeschichten anonym bestatteter Menschen haben ihren Platz.

Wo findet man Infos über deine Projekte/Texte…?

https://www.edition-assemblage.de/recht-auf-trauer/
www.francisseeck.net
https://klassismusforschung.wordpress.com


Rezension: Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag

Für das Missy Magazine habe ich mit Autorin Julia Roßhart über ihr Buch, Klassismus in feministischen Szenen und das Schweigen über Geld und Herkunft gesprochen. (Interview online nur für Mitglieder zugänglich, gedruckt in der Ausgabe 3/2017 lesbar)

Klassismus als Thema akademisch-feministischer Binnenkritik wird angesichts bildungsbürgerlicher Dominanz und elitärer Normen im Hochschul-Kontext nicht offensiv angegangen, sondern “ignoriert, verdrängt und tabuisiert” – diesen Befund stellt die Soziologin Julia Roßhart ihrem Buch “Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag” voran. Mit ihrer Dissertation, die sich feministischen Akteurinnen in der BRD der 1980er- und 90er-Jahre widmet, möchte die Autorin dementsprechend dazu beitragen, Forschungslücken zu schließen und weitere – dringend notwendige – Auseinandersetzungen anzuregen. Roßhart hat anhand von Dokumenten, ergänzt durch Gespräche mit Protagonistinnen, verschiedene Formen anti-klassistischer Interventionen innerhalb feministischer Gruppen und Szenen aufgearbeitet: Kritische Reflexionen der eigenen Klassenherkunft waren ebenso wie konkrete Umverteilungsmaßnahmen Versuche, mit Diskriminierungserfahrungen und Privilegien umzugehen. Federführend waren es lesbische Aktivistinnen, die – ohne Zugang zu männlichen Privilegien durch heterosexuelle Partnerschaften, so eine These – Unterschiede und Ausgrenzungen zwischen Frauen und Lesben zum Thema machten. “Ich hoffe sehr, dass es in zwanzig Jahren nicht erst einer Archivrecherche bedarf, um anti-klassistische Interventionen und Perspektiven zu erinnern”, schreibt Roßhart.*

Julia Roßhart: Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag. Anti-klassistische Interventionen in der Frauen- und Lesbenbewegung der 80er- und 90er-Jahre in der BRD. w_orten & meer 2016

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*Diese Rezension ist bereits in an.schläge II/2017 erschienen.